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ReportageSantiago Calatravas Bahnhöfe aus BetonSkulpturale Orte der GeschwindigkeitDie Zeiten, in denen der Bahnhof einer Stadt gebautes Zeichen für Selbstbewusstsein und Weltoffenheit war, schienen fast vorbei zu sein. Bis Santiago Calatrava mit seinen skulpturalen Orten der Geschwindigkeit ganz neue Impulse setzte. „Ich könnte jahrelang zu Hause sitzen und zufrieden sein. Wenn nur nicht die Bahnhöfe wären.“ So notierte Anfang des letzten Jahrhunderts der rastlose Joseph Roth über seine stete Sehnsucht nach Ferne. Für den österreichischen Schriftsteller und Journalisten, der Zeit seines Lebens der Vergangenheit und der damit verbundenen guten alten Ordnung schreibend nachreiste, war der Bahnhof Ort der Entdeckungslust. Der Bahnhof – das „Tor in die Ferne“, wie Walter Benjamin zeitgleich schrieb – war damals, als die Bahnfahrt als Synonym für das Reisen stand, zentraler Ort einer jeden größeren Stadt: gebautes Zeichen für Weltoffenheit und Selbstbewusstsein, würdevoller Empfangsort für die Ankommenden, Ort der Sehnsucht für die Bewohner. Diese Signatur spiegelt heute nicht jeder Bahnhof wider. Die alten Bahnhöfe in Stuttgart, Frankfurt oder München etwa lassen erahnen, welche Bedeutung einst dem Bahnhof als städtischem Monument beigemessen wurde. Wer aber heute beispielsweise den Düsseldorfer Bahnhof als Ausgangspunkt seiner Reisen wählt, wer hier aufgesogen wird von Menschenmengen, Shops und Werbedisplays, oder – nach seiner Ankunft – hinausgespült wird auf einen Bahnhofsvorplatz, über dessen Gestaltung die Stadt seit Jahren vergebens diskutiert, der ahnt, was fehlt: diese Orte zum Träumen, die Schönheit der städtischen Tore in die Welt. Gibt es diese Orte noch? Der TGV-Fernbahnhof Liège-Guillemins Eine auf dem Kopf liegende, länglich geformte Schale Vom Vorplatz aus gesehen erstreckt sich der Bahnhof, quer liegend zwischen Stadt und Hügel, über eine Länge von 488 Metern. Das Dach wölbt sich in Längsrichtung über die Gleise und Bahnsteige: 39 weiße Bögen im Abstand von zwei Metern und mit einer Scheitelhöhe von 35 Metern tragen die Glasfenster des Daches mit einer Spannweite von knapp 158 Metern. Über dem Eingang zur Bahnhofspassage kragt ein Vordach um 45 Meter auf den Vorplatz aus und schützt die Frei- und Rolltreppen, die direkt zum ersten Gleis führen. Die Träger des Vordachs sind in weißen, dreibeinigen Betonsockeln verankert, so wie der gesamte Unterbau des Bahnhofs in Sichtbetonweise – mit Weißzement als Bindemittel – gebaut ist. Die großteils amorphen Formen verleihen dem vermeintlich statisch-schweren Konstrukt Lebendigkeit, Leichtigkeit und Helligkeit. Die Menschen, die den Bahnhofsvorplatz in Richtung Passage queren, zeigen wenig Eile. Ich folge ihnen durch die Glastüren des Eingangs in die Passage, die die Gleise unterquert. Die Lasten, die au diesem Raum liegen, sind durch die gebogenen und geschwungenen Formen nicht zu spüren. Die Wände, Träger und Stützen aus Sichtbeton verleihen dem gesamten Erschließungskorridor das Bild einer einerseits offenen und luftigen, andererseits aber auch sicheren Höhle. Zwischen den Aufgängen zu den Gleisen liegen Ladenlokale, alle einheitlich gestaltet; auch die Innenwände der Lokale sind von Beton geprägt. Die Passage endet auf der dem Hügel zugewandten Seite des Bahnhofs in einer großen und luftigen Treppenhalle mit gotisch anmutenden Säulen aus Beton, die zu den Decks des teilweise in den Hügel eingefügten Parkhauses führt. Auf dem Weg zurück nach Düsseldorf höre ich, dass heute der Zugverkehr zwischen Aachen und Paris wegen einer Störung für mehrere Stunden unterbrochen war. Wie gut, mit dem Wagen gefahren zu sein – und dennoch trauere ich der entgangenen Fahrt im TGV nach. Ich erinnere mich an einen Satz Santiago Calatravas aus einem Interview, in dem er sein Selbstverständnis als Architekt beschreibt: Der Architekt wie auch der Ingenieur sei immer auch Bildhauer. Während aber der Bildhauer seine dreidimensionale Figur nur von außen betrachte,schaffe der Architekt Objekte, in die der Betrachter eindringe. Im Entwurfprozess sei dies stets zentraler Gestaltungsaspekt: Wie wirkt das Gebäude, wenn man hineingeht? Wie wird die Architektur wahrgenommen? TGV-Bahnhof Lyon-Satolas Bildhauerische Objekte, in die der Betrachter eindringt – diese Maxime gilt für Calatravas 1994 fertig gestellten TGV-Fernbahnhof in Lyon vielleicht noch mehr als für den Bahnhof in Lüttich: gleich an den Flughafen angebunden, nimmt die Haupthalle des Gebäudes die Idee des Fliegens auf und zeigt sich als hockender Vogel mit ausgebreiteten Flügeln. Der Bahnhof befindet sich ca. 30 Kilometer außerhalb Lyons an der östlichen Peripherie. Die Weite der flachen Landschaft unterstützt das Bild des ruhenden Vogels, der ansetzt zur Reise in die Ferne. Die Bögen der Haupthalle wie auch das Tragwerk des Gleistraktes sind in glattem Sichtbeton gearbeitet. Die bildhauerische Idee des Skulpturalen, Grazilen und auch hier gotisch Anmutenden gleicht der der Treppenhalle im Bahnhof von Lüttich und wirkt hier noch stärker. Es gibt sie also doch, die Orte zum Träumen, die Schönheit der städtischen Tore in die Welt. Das einzige, was mir an ihnen fehlt, in Lüttich wie auch in Lyon, sind die alten, großen, schönen Wartesäle, in denen auch Joseph Roth gesessen haben mag. Norbert Fiebig
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