Prof. Dirk Bayer; Foto: Norbert Fiebig

Prof. Dirk Bayer; Foto: Norbert Fiebig

Studierende am Lehrstuhl von Prof. Dirk Bayer  an der TU Kaiserslautern bei einem 3D-Plotworkshop

Studierende am Lehrstuhl von Prof. Dirk Bayer an der TU Kaiserslautern bei einem 3D-Plotworkshop

Digital erstelltes Modell; Fotos mitte und unten: Prof. Dirk Bayer

Digital erstelltes Modell; Fotos mitte und unten: Prof. Dirk Bayer


Gespräch

Prof. Dirk Bayer über die Schnelligkeit des digitalen Entwerfens

„Ändern Sie das bitte einmal schnell...“

Ob Gebäude, Räume, Einrichtungen oder Gegenstände – ohne digitales Entwerfen geht heute fast nichts mehr. Das gilt auch für vieles aus Beton Geschaffenes. CAD ist eines der Instrumente zur Beschleunigung des Planungsprozesses. Aber stimmt das eigentlich? Und in welchen Punkten gilt es, dieses Bild zu korrigieren? Wir sprachen mit Dirk Bayer, Juniorprofessor für Digitales und Methodisches Entwerfen an der TU Kaiserslautern.

Herr Professor Bayer, arbeitet man mit CAD wirklich schneller?
Zuerst muss man unterscheiden, ob man über digitales Zeichnen oder digitales Entwerfen spricht. Hier vertrete ich drei Thesen: Erst durch Zeichnen und Modellbauen können wir die architektonische Problemstellung darstellen und somit wahrnehmen. Dies als Ausgangslage.

Was früher das Zeichnen mit dem Stift war, ist heute für die Mehrzahl der Architekten das Arbeiten mit dem Computer. Entwerfen ist ein komplexer Vorgang, der nur schwer zu fassen ist. Es ist für mich ein Prozess, der intuitiv geleitet, durch den Intellekt gesteuert wird. Es hat sich aber gezeigt, dass die Lösung komplexer Aufgaben mit dem Computer besser zu kontrollieren und dann zu realisieren ist. Durch die Simulation am 3D-Modell lassen sich schneller Konsequenzen im Entwurf erkennen. Dies beeinflusst dann die eigene architektonische Arbeit.

Eins muss man hier allerdings unterscheiden: Der Prozess des Entwerfens an sich ist nicht schneller geworden, er ist mit dem Entwerfer gekoppelt. Der Prozess ist der gleiche geblieben, weil Architektur zunächst im Kopf entsteht. Hier geht es nicht darum, wie man eine Grundidee erlangt, sondern wie man sie verarbeitet: auf dem Papier oder mit dem Rechner. Es genügt nicht, nur über die veränderten Eingabeoptionen nachzudenken. Man muss über das Verhalten des Entwerfers an sich nachdenken. Dieses Verhalten hat sich verändert – und hier sind wir beim zweiten Punkt: Die Nutzung des Computers beinhaltet einen anderen Zugang zu sozialen Netzwerken, den Communities. Früher galten die Meisterklassenprinzipien in den Ateliers – der Meister erklärt seinem Schüler Prinzipien der Architektur. Heute gilt das Prinzip des freien Informationsaustausches mit Computer bzw. Internet. Somit ändert sich die Aneignung von Wissen und beeinflusst den Entwurfs- und Planungsprozess. Man kann diesen Prozess nicht werten, da man noch keine Erfahrung hat, wie und wo Filter oder Regularien greifen. Somit hat man prinzipiell eine höhere Geschwindigkeit zumindest im Informationsfluss.

Womit wir beim dritten Aspekt wären, der sich stark verändert hat: dem Modellbau. Heute verfügen alle Hochschulen und viele Büros über CNC, 3D-Plotter und Lasercutter. Diese Geräte
erlauben es, den Entwurf zu simulieren und schnell zu überprüfen: Ein Lasercutter schneidet eine Fassade bzw. Bauteile binnen fünf bis zehn Minuten aus – wobei die Erstellung der Plott- Files auch Zeit in Anspruch nimmt.

Entsteht beim digitalen Entwerfen eine „andere“ Architektur als früher?
Hier muss man differenzieren. Es gibt Strömungen in der Architekturszene, innerhalb derer der Begriff des „Architektur Generierens“ benutzt wird. Damit entzieht man sich zunächst ein Stück weit seiner entwerferischen Verpflichtung als Architekt. Denn anders als beim persönlichen Entwurfsprozess, der von einer Haltung geprägt ist und für den man persönlich einsteht, wird durch das Generieren der Prozess des Entwerfens vermeintlich auf den Computer verlagert. Das halte ich in Teilen für schwierig, denn die Parameter, die das Generieren des Computers leiten, wurden ja auch im Vorfeld definiert und nicht dem Computer überlassen. 

Andererseits sind heute Dinge möglich, ich nenne als Beispiel das Mercedes-Benz-Museum von UN Studio, bei der das entwerferische Potential – die Idee der Doppelhelix – eine höhere
Durchdringung über ein 3D-Modell erfahren konnte.

Der Lehrstuhl Gramazio & Kohler an der ETH Zürich nutzt die Digitalisierung in der Architektur auch für die digitale Fabrikation. Hier werden Betonstrukturen entworfen, perforiert und teilweise mit dem Roboter ver- und bearbeitet. Diese Anwendungen im Bereich der Fabrikationstechnik sind interessant, weil sie sich nachhaltig auf Bauwirt- schaft, Industrie sowie die entstehende Architektur auswirken können. 


Ist CAD die „moderne Handschrift“ des Architekten?

Ein Thema, das mir ein wenig Angst bereitet, ist, dass durch das Internet und die Vielzahl von Publikationen oftmals nur ein Bild von Architektur erzeugt wird – und die Studierenden diesen Bildern glauben. Diese Bildergläubigkeit verleitet viele dazu, per Copy and Paste neue Bilder zu erzeugen. Das ist das Schlimmste, was der Architektur passieren kann, weil es bald schon wieder neue Bilder gibt. Was zu Beginn des Semesters „in“ war, ist am Ende des Semesters wieder „out“. Dies behindert die Suche nach einer eigenen Architektursprache. Zu dieser kann nur gelangen, wer das Denken, Entwerfen, Konstruieren und Darstellen als einen ganzheitlichen Prozess zu verstehen und zu gestalten lernt. Man muss wissen, dass ein Entwurfsprozess nie linear verläuft – auch nicht mit dem Computer, sondern immer wieder aus mehreren Schritten zurück und wenigen nach vorne besteht.

Da tritt die Komplexität an die Stelle der Geschwindigkeit…
Ich bin auch oft irritiert darüber, wie sehr diese Schnelligkeit überschätzt wird. Ich kenne das aus eigener Erfahrung aus dem Arbeitskreis Junge Architektinnen und Architekten AKJAA beim BDA, in dem 32 junge Büros vertreten sind. Alle sind derselben Meinung: es wird zu oft gesagt „Ändern Sie das bitte einmal schnell – am Rechner ist das ja einfach...“ Technisch gesehen mag dies stimmen, aber es steckt auch immer eine Denkleistung dahinter, und die nimmt einem der Rechner so wenig ab wie früher der Tuschezeichner.

Es scheint so, als steckt die Architektur noch mitten im Prozess, die digitale Technik richtig zu bewerten und einzusetzen. Was bringt die Zukunft?  
Die Ablösung von Werkzeugen erfolgt unweigerlich – vom Tuschezeichner zum Plotter. Dem muss man sich stellen. Die junge Generation hat einen anderen Zugang zu diesem Medium. Heute wird durch den frühzeitigen Umgang mit Computern eine Art zu Sehen geschult. Hier ist für mich spannend zu beobachten, ob sich das Entwerfen einen Tick weit ändern wird. Erhalten die jungen Generationen, wenn sie in den dreidimensionalen Raum am Rechner schauen, andere Informationen als jemand, der nicht darin geübt bzw. damit aufgewachsen ist?  Gleichzeitig gibt es die Computerfreaks, die am liebsten online im Rahmen von Netzentwürfen arbeiten. Hier müssen sich neue Formen der Kommunikation allerdings erst noch entwickeln. Denn einer der Kernsätze ist für mich: Architektur ist Kommunikation. Wenn ich nicht kommuniziere, dann verfeinert sich mein Denkprozess nicht. Genau das aber ist es, was der Computer an anderer Stelle momentan in andere Bahnen lenkt. An der Uni sitzen heute 50 Studierende mit ihren Laptops im Arbeitsraum – alle mit Ohrstöpsel und MP3, und parallel läuft StudiVZ, Facebook oder Twitter. Da findet keine Kommunikation im herkömmlichen Sinne statt, keine Diskussion mit der direkten, realen Umwelt – alle starren auf die Maschine und kommunizieren im Netz innerhalb einer digitalen parallelen Welt.


Kommen wir zu den gebauten Orten der Geschwindigkeit. In der Bochumer Innenstadt etwa ist in den letzten Jahren das Straßenbahnnetz unter die Erde verlegt worden. Mit der Planung sind auch Architekten beauftragt worden. Müssten Architekten bei der Gestaltung der Infrastruktur nicht viel mehr beteiligt werden? Ist das nicht auch der Anspruch des BDA?
Ich denke, dass sich der BDA diesen Aufgaben stellt. Jedoch hat man viele Aufgabenbereiche in der wirtschaftlich guten Zeit abgegeben, die man sich heute wieder schwer erkämpfen muss, was in jedem Fall wichtig wäre. Der Architekt würde dann wieder zu einer Art Generalist werden, der die Komplexität der Entwurfsaufgabe durchdringt, der steuert und Moderator ist und die Dinge aus einer gestalterisch-ästhetischen Qualität für unseren Lebensraum denkt und sieht. Nehmen wir das Beispiel der Straßenbahnhaltestelle. Das ist eine Aufgabe, die vor allem in Deutschland aufgegeben wird. Man überlässt sie Werbefirmen und gibt damit eine städtische Identität auf, über die man lange verfügte. Es gibt aber Beispiele, die gut funktionieren, weil man ihnen anmerkt, dass sie mit Gestaltungswillen und einer gewissen Liebe zum Entwurf gemacht wurden. Wir geben vieles in diesem Zeitalter von Geiz-istgeil einfach auf. Das ist das eigentlich Bedauernswerte.  

Herzlichen Dank für das Gespräch.

 

Dirk Bayer, geb. 1968 in Kaiserslautern, studierte Architektur an der TU  Kaiserslautern und arbeitete anschließend bei Hild und K Architekten in  München. 2000 gründete er die Bürogemeinschaft mit Andrea Uhrig. Nach  Lehraufträgen im In- und Ausland ist Dirk Bayer seit 2005 Juniorprofessor für Digitales und Methodisches Entwerfen an der TU Kaiserslautern. Seit 2009 ist  Bayer Sprecher des Arbeitskreises Junge Architektinnen und Architekten des  BDA.