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BaustelleEntspannt und staufrei durch den GotthardFreie Fahrt bis zum MittelmeerDie verkehrstechnische Überwindung der Alpen ist seit jeher eine besondere Herausforderung. Allzu oft stehen wir vor dem Gotthard-Straßentunnel im Stau. Der im Bau befindliche Gotthard-Basistunnel soll dem Gedränge am Berg Abhilfe schaffen – die Flachbahn ist Teil der Neuen Eisenbahn Alpentransversale (NEAT), auf der ab 2017 die Züge im Eiltempo gen Süden rauschen sollen. Gerade mal 30 Jahre ist es her, dass Urlauber, Lkw-Fahrer und Geschäftsleute auf dem direkten Landweg ohne Passüberquerungen zwischen Nordeuropa und Italien hin und her pendeln können. Jeder, der sich auf den Weg in den Süden macht, kennt das Gefühl, in der Zentralschweiz bei Göschenen vom dunklen Schlund des Gotthardtunnels eingesaugt zu werden, nach dessen Passage man nur wenig später am anderen Ende in Airolo im mediterranen Tessin ankommt. Viele Wege führen nach Rom – doch welcher ist der schnellste? Bis zur Eröffnung des 16,9 Kilometer langen, zweispurigen Straßentunnels im September 1980 kostete es deutlich mehr Zeit, die Alpen im Nord- Süd-Transitverkehr zu überwinden. Entweder man nahm Umwege über den Brenner oder den Mont-Blanc-Tunnel in Kauf oder man bezwang das Gotthardmassiv auf direktem Weg über die steile und kurvige Passstraße. Bequemer war es hingegen, das Gotthardmassiv Huckepack auf einem Waggon der 130 Jahre alten Gotthardbahn hinter sich zu bringen, die fast parallel zum Straßentunnel verläuft. Natürlich dauerte die kurvige Zugfahrt auf dieser historisch-pittoresken Strecke über Brücken, Viadukte und durch viele Tunnel deutlich länger als die Abkürzung auf der geteerten A2 durch die Eingeweide des Berges, die gerade mal 15 Minuten beansprucht. Mit der Eröffnung des Straßentunnels war die Kfz-Verladung auf Güterwaggons damit keine wirkliche Alternative mehr und wurde eingestellt. Gedränge auf Straße und Schiene – Verkehrswege als Lagerraum Die Folgen waren absehbar: Der Personen- und Güterverkehr verlagerte sich in Windeseile auf die Straße, binnen zehn Jahren hatte sich die Zahl der Lastwagen, die den Straßentunnel passierten, beinahe versechsfacht. Im Jahr 2005 entfielen von den insgesamt durch die Schweiz transportierten 36,6 Mio. Nettotonnen an Gütern allein 12,9 Mio. auf die Straße – Tendenz steigend. Obwohl auch immer mehr komplette Lkw auf den Zug verladen werden, verdoppelt sich der alpenquerende Straßenverkehr etwa alle acht Jahre, während der Schienenverkehr mehr oder weniger stabil bleibt. Die prognostizierten Zuwachsraten im Personenund Güterverkehr zeigen: Ohne weiteren Ausbau des Schienennetzes ist der Verkehrskollaps im Alpenraum nur noch eine Frage der Zeit. Mit bis zu 250 km/h durch den Berg Die rund 140 Meter langen Tunnelbohrmaschinen schaffen mit ihren acht Meter großen Bohrköpfen pro Tag durchschnittlich 15 bis 20 Tunnelmeter – je nach geologischen Verhältnissen auch mal deutlich mehr oder weniger. Um Bauzeit und Kosten zu optimieren, arbeiten sich die hoch komplexen Maschinen in den beiden vierzig Meter auseinander liegenden Röhren parallel durch das Massiv. Der Angriff auf den Berg erfolgte fast zeitgleich von fünf Abschnitten aus: Zwischen dem Nordportal Erstfeld und dem Südportal Bodio wurde das Projekt auf fünf Lose mit unterschiedlich langen Vortriebsstrecken aufgeteilt. Vier davon befinden sich bereits in der Ausbauphase, nur noch im 12,8 km langen Abschnitt Faido-Sedrun fressen sich die Tunnelbohrmaschinen durch den nackten Fels. Dahinter sprengen die Mineure etwa alle 325 Meter sogenannte Querschläge von einer Röhre zur anderen. Diese 40 Meter langen Verbindungsstollen dienen der jeweils anderen Röhre als Rettungsweg, was einen zusätzlichen Dienst- beziehungsweise Rettungstunnel überflüssig macht. Erst wenn man beide Tunnelröhren, die zahlreichen Querschläge, Schächte und Stollen zusammenrechnet, zeigt sich das wahre Ausmaß dieses Projekts: Für die 57 Kilometer Eisenbahntunnel waren insgesamt 151,8 Kilometer Fels auszubrechen – am 1. März 2010 waren davon 143,8 Kilometer oder 94,7 Prozent geschafft. Das zentimetergenaue Ausbrechen des Felsmaterials mit Bohrern oder Flüssigsprengstoff ist bei einem solchen Tunnelbauprojekt das Eine – das bergmänn- ische Sichern der Tunnelröhre mit Spritzbeton und der Ausbau der Sohle, Gewölbe und Bankette mit geschaltem Ortbeton das Andere. Auch die Logistik für das Ausfahren und Lagern des ausgebrochenen Gesteins sowie die Herstellung und das Einbringen des erforderlichen Betons ist angesichts der knappen Lagerflächen und weiten Transportstrecken tief im Bauch des Berges eine Herausforderung. Beide Prozesse sind zudem eng miteinander verwoben, denn immerhin 36 Prozent des Ausbruchmaterials waren für die Aufbereitung von Gesteinskörnungen respektive zur Produktion von hochwertigem Spritz- und Ortbeton geeignet. Das restliche, nicht verwertbare Material dient teilweise als Dammschüttung oder wird für Rekultivierungen verwendet. Ab 2017 freie Fahrt zum Mittelmeer Doch vielleicht hat der Berg ja ein Einsehen und bewahrt Ruhe, weil er die ökologischen Vorteile erkennt, die ihm der Gotthard-Basistunnel bald beschert. Dann gehören die sechs Millionen Fahrzeuge, die sich auch dieses Jahr wieder durch das zweispurige Nadelöhr quälen, hoffentlich bald der Vergangenheit an. Klaus Siegele |



