Paul Virilio (Foto: Heinz-Norbert Jocks)

Foto: Thomas Mayer Archive


Gespräch

"Architektur, Urbanismus und Geschwindigkeit bilden in meinen Augen ein Ganzes"

Paul Virilio im Gespräch mit Heinz-Norbert Jocks

Der französische Architekt, Stadtplaner und Philosoph Paul Virilio hat sich sein Leben lang mit dem Phänomen der Geschwindigkeit befasst. Für Virilio ist die Geschwindigkeit der entscheidende Faktor, der unsere Gesellschaft bestimmt. Für betonprisma befragte Heinz-Norbert Jocks den französischen Denker über die Folgen der beschleunigten Zeit.

Herr Virilio, Sie sagen, dass die Stadt eine andere Geschwindigkeit hervorgebracht hat. Als Stadtplaner könne man daher die Geschwindigkeit cht ignorieren. Die „Haussmannisierung von Paris“, auf die Sie sich dabei beziehen, fand in der Mitte des 19. Jahrhunderts statt. Was bedeutet Geschwindigkeit für Architektur und Stadt im 21. Jahrhundert?
Dieses Thema ist heute von großer Aktualität. Ich möchte mit dem Zitat eines Galloromanen namens Massianus beginnen, der zu Caesar sagte: „Aus der Welt hast Du eine Stadt gemacht.“ Seine Aussage über das Römische Reich lässt sich auf das Imperium unserer geschlossenen Welt der Globalisierung übertragen. Er hat damit etwas außerordentlich Wahres formuliert: Gegenwärtig mutiert die Welt zu einer Stadt, wodurch in gewisser Weise alleanderen Städte ausgelöscht werden.

Zur Zeit von Massianus bestand die Welt aus bekannten und unbekannten Kontinenten, aus Land, Wüste, Ozeanen und einigen Städten. Doch während wir miteinander sprechen, ist die ganze Welt gerade dabei, zu einer einzigen globalen Stadt zu verschmelzen. Warum? Weil die Lichtgeschwindigkeit, die Geschwindigkeit der elektromagnetischen Wellen, also die Realzeit, den realen Raum der Distanzen beherrscht. Da geschieht etwas aufgrund eines anderen Stillstandes als desjenigen, der am Anfang von allem war: Die Energie des Ursprungs ist die Fixiertheit, die Sesshaftigkeit und die Nähe. Es gab Aktivität, weil es Nähe gab, wohingegen heute die Nähe die der Interaktivität ist. Die heutige Nähe ist das Unmittelbare der Ubiquität, das Augenblickliche, das Allgegenwärtige. Die Sesshaften sind diejenigen, die dank des Mobiltelefons und der Tele-Technologie überall, und die Nomaden diejenigen, die nirgends zu Hause sind.

Der polare Stillstand, der Stillstand des realen Augenblicks, beherrscht die Unbeweglichkeit der Immobilie, eben des realen Raumes eines Ortes. Daher kommt die Entortung. Darüber werden wir noch sprechen müssen. Zum Ursprung der Stadt zurückkehrend, kommt mir in den Sinn, dass Thukydides sich während des peloponnesischen Krieges über die Geradlinigkeit einer Straße in Griechenland gewundert hat. Damals gab es eigentlich keine geraden Straßen, denn es gab überhaupt keinen Grund dafür. Weder Pferde noch Fußgänger brauchen gerade Straßen. Insofern ist diese geradlinige Straße bereits ein erstes Zeichen für die Ausdehnung der Stadt erst in den Kontinent, dann in die Welt hinein.

Können Sie uns das näher erläutern? Welche Folgen resultierten aus der Begradigung der Straßen?
Ja, insofern sie die kürzeste Strecke zwischen zwei Punkten bildet. Ich rede hier nicht von der Geschwindigkeit eines Automobils. Die geradlinige Straße stellt im Grunde genommen eine stillstehende, bewegungslose Geschwindigkeit im Gegensatz zum verschlungenen Band einer kurvigen Straße dar. Wenn man zum Vergleich eine römische Stadt heranzieht, so gilt da das Schema der römischen Landvermessung mittels decumanus und cardo. Die Stadt der Römer ist eine Gekreuzigte, da durch die Ost-West- und Nord-Süd-Achse gekreuzigt. Beide münden auf das Forum. Wie man sieht, ist die ursprüngliche Stadt eine Art Gehäuse oder Getriebe, welches zur Übertragung der Geschwindigkeit für die Fußgänger und in früherer Zeit insbesondere für die Reiter dient. Man darf nicht vergessen, dass diese spezielle Achsenlage der Agora und des Forums die römische Stadt charakterisiert. Das Trassieren der Visierlinie ist eine Form der Definition von Zonen per Befestigung. Ich verwende das Wort „trassieren“ im Hinblick auf das Festlegen einer Hauptachse, aber fachsprachlich heißt trassieren auch schnell gehen. Warum hat man das Forum oder die Agora so angelegt? Weil es der Ort ist, wo man die Truppen am schnellsten zusammenziehen, einteilen und zu den Wällen und Grenzen der Peripherie schicken kann. In diesem Sinne ist eine Stadt, wie man es übrigens im Zusammenhang mit der Befestigung sagt, nur stark dank des auf den Befestigungen befindlichen Volkes. Die Befestigungen sind nicht an sich stark, sondern nur durch die Menschen, die sich darauf und dahinter aufhalten.

Übrigens wurden die Stadtmauern durch die Eisenbahnen gesprengt. Folglich hat die automobile Geschwindigkeit seit der Revolutionierung der Transportmittel sowohl die befestigte Ummauerung als auch die Stadttore infrage gestellt. An die Stelle des Stadttors, das ein äußerst wichtiger Ort war, ist der Bahnhof getreten. Aber dieser stellt insofern etwas völlig Neues dar, als er nicht einfach ein Tor ist, sondern viele Dinge auf einmal. Natürlich ist diese Geschwindigkeit auch stets durch die Untergrund- und die Straßenbahn in die Stadt eingedrungen, die ebenfalls deren Struktur erheblich verändert hat. Was die Römer in ihrem Reich mit ihren Römerstraßen erreicht haben, das schaffen heute die Untergrundbahnen und die Stadtautobahnen. Die stillstehende Geschwindigkeit der Trasse wird die Stadt strukturieren. In dem Zusammenhang muss man sich die von Haussmann bewirkten Veränderungen der Pariser Stadtviertel vor Augen führen. Es lag ihm daran, das Labyrinthische der peripheren Stadtviertel dieser Epoche abzuschaffen, wo sich die Aufständischen sammelten, weil sich dort leichter eine Revolte, ja sogar Revolution anstiften und durchführen ließ. Kurz gesagt: Wenn Zeit Geld ist, so ist Geschwindigkeit in dem Sinne Macht, als sie zum Handeln und Durchgreifen befähigt. Deshalb ist die Stadt seit jeher der Sitz sowohl des Geldes als auch der Macht. In gewisser Weise hat sich die heutige Wirklichkeit dahingehend gewandelt, dass die Geschwindigkeit absolut geworden ist.

Die heutige Wirklichkeit hat sich durch die absolut gewordene Geschwindigkeit gewandelt?
In der griechischen Gesellschaft herrschten über die Stadt einerseits die Verfassung der Athener und andererseits diejenigen, die die Gewalt über die Schiffe hatten. Die Schiffe repräsentieren die Macht, da sie die größte Geschwindigkeit der Epoche erzielten. Das führte zur Zeit von Athen zum Hafen von Piräus mit seinen langen Mauern und später zu Venedig. Die griechische Gesellschaft war eine „Dromokratie“, also von der Geschwindigkeit der Schiffe bestimmt. Sie war nicht nur demokratisch, sondern auch dromokratisch. Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass die Frage der Geschwindigkeit die eigentliche Frage der Macht ist.

Unmittelbarkeit, Ubiquität und das Augenblickliche, das sind die Attribute des Göttlichen, eben der absoluten allgegenwärtigen Macht desjenigen, der alles sieht, alles hört und alles weiß. Die heutige Lage ist insofern eine andere, als die Tele-Technologie diese Ubiquität begünstigt. Sie verhilft zu Augenblicklichkeit, Unmittelbarkeit und Gleichzeitigkeit. Jeder kann diese Macht ergreifen. Bezogen auch auf die Auswirkungen des Mobiltelefons und des Internets drängt sich die Frage der Bewegungslosigkeit der Sesshaften, der Unbeweglichkeit der Immobilie, des Stillstandes der Geschwindigkeit auf. Man ist zusammen gegenwärtig und zusammen aktiv. Die Masse, die Interaktivität ist die Macht. Es handelt sich nicht mehr um eine direkte Aktivität. Wir verdanken die Interaktivität der Energie der Lichtgeschwindigkeit. Sie bewirkt, dass man nicht mehr hier, da oder dort sein muss – es reicht aus, in der Realzeit, das heißt live zu sein.

Die Tele-Technologie bewirkt eine neue Form der Ubiquität – welche Auswirkungen hat das auf die Menschen?
Wir befinden uns an einem Punkt der Veränderung der Natur des Stillstands. Die griechischen Gesellschaften waren symbolisch alle im Zentrum der Welt, darum auch „axis mundi“. So gesehen befand sich jede Stadt im Zentrum der Welt. Und von daher stellte die Bewegungslosigkeit der Immobilie auch den Stillstand einer Achse dar. Der mit der Achse der Welt zusammenfallende Stillstand des Immobilen bewirkte, dass die Welt sich um ihre Achse drehte.

Wir sind im Zustand des polaren Stillstands einer immobilen Geschwindigkeit angekommen. Aber es ist nicht mehr die immobile Geschwindigkeit der Nähe oder der geraden Straße, sondern die der Interaktivität und der Fernsteuerung. Die Fernsteuerung ist ein kybernetisches Symbol der Macht. In Wahrheit ist die „automobile“ Geschwindigkeit des Pferdes, des Seglers, des Dampfschiffs, der Bahn, des Autos, des Motorrads, des Fahrrads, des Jet und sogar der Rakete völlig der Lichtgeschwindigkeit und damit dem absoluten Stillstand des Augenblicks unterworfen.

Welche Bedeutung hat der Raum für die Menschen, die sich zwar auch imstädtischen und architektonisch gestalteten, gleichzeitig aber auch immer mehr im virtuellen Raum bewegen?
Lassen wir der Begriff des Virtuellen einmal beiseite. Im 20. Jahrhundert erlebten wir den Übergang von einem immobilen Stillstand, also von einer stabilen Umgebung, einer befestigten Materie wie Beton oder Ziegelstein, von der uns so bekannten Stadt, wo der Raum noch die Zeit beherrschte und der Raum hier und nicht anderswo war, zum polaren Stillstand. Damit vollzog sich auch ein Wechsel vom Durch-Sichtigen zum Durch-Scheinenden. Zum Durch-Sichtigen gehören Luft, Wasser und Glas. Das Problem des Stillstandes des Immobilen lässt sich anhand von drei unterschiedlichen Fenstern verstehen: Da ist zum einen die Fenstertür. Am Anfang gab es noch keine richtigen Fenster, sondern nur lichtdurchlässige Mauerelemente namens „claustra“. Die Architektur lässt das Licht quasi zur Tür hinein. Das erste Fenster ist also die Tür. Durch sie tritt der Fremde oder der Freund und auch das Licht herein. Wegen des Fehlens von Kaminen diente diese Tür auch als Rauchabzug.

Die schließlich folgende Erfindung des Fensters ist außergewöhnlich. Es dient zu nichts anderem als zum Sehen. Natürlich auch zur Belüftung, aber das ist in dem Zusammenhang weniger wichtig, denn wir sprechen vor allem über die Wahrnehmung.

Nun kommen wir zum dritten Fenster, dem Bildschirm. Über dieses dritte Fenster gelangen wir vom Durchsichtigen wie Luft, Wasser, offene Tür, Glasscheibe, Schaufenster, Vitrinen zum Durch-Scheinenden. Die Transparenz der Erscheinungen wird augenblicklich in Entfernungen übertragen. Alle Bildschirme sind im Grunde dritte Fenster. Bei der digitalen Kamera ist das dritte Fenster der kleine optische Sucher. Damit haben wir einen Wechsel von einer zu einer anderen Sehweise vollzogen. Deshalb sind Google, Google Earth, Google Maps und Google Street View megaskopische Bilder von einer größenwahnsinnigen Dimension. Es ist so etwas wie ein Riesenfenster. Die Rosetten der Kathedralen, wie man sie bekanntlich nennt. Darin besteht die neue Gotik. Google ist elektrogotisch. Man kann auch sagen, eine elektronische Gotik. Der Gesellschaft des polaren Stillstandes entspricht das Durchscheinen und nicht mehr die Transparenz. Wenn heute ein Architekt einen Glasturm baut, so ist er im Grunde akademisch. Der jetzigen Realität entspricht es, mit Bildschirmen, also mit dem dritten Fenster zu bauen.

Was wird in Zukunft mit dem realen Raum angesichts des virtuellen geschehen, dessen Bedeutung mehr und mehr zunimmt?
Sowohl das neunzehnte als auch das zwanzigste Jahrhundert sind durch die Revolutionierung der Transportmittel, durch eine Revolution der Übermittlung und morgen der Transplantation geprägt. Dadurch fand eine Beschleunigung sowohl der Geschichte als auch der immer kürzer werdenden Dauer statt. Die Beschleunigung historischer Ereignisse ist eng mit dem Schnellerwerden der Transportmittel verwoben.

Über die Beschleunigung der Geschichte, der sich verkürzenden, auch messbaren Dauer, gelangen wir zur Beschleunigung des Realen. Was heute beschleunigt ist, sind weder die Geschichte noch die lange Dauer, sondern die Augenblicklichkeit. Sie wird die Realität oder das Reale beschleunigen. Der Stillstand der Augenblicklichkeit, das „live“ verändert sich vollständig im Verhältnis zur Realität. Die Geschichte ist durcheinander geraten aufgrund des Endes der Dreiteilung von Zeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, auf der die alten westlichen Gesellschaften errichtet waren.

Das die Geschichte effektiv Bestimmende war die Vergangenheit. Die Gegenwart meint die Ereignisgeschichte, also die Französische Revolution oder den Ersten Weltkrieg. Die Beschleunigung der Geschichte erfolgte über die Bedeutung, welche die Vergangenheit für die Gegenwart hat. So wie man von der russischen Revolution sagt, dieses Jahrzehnt nach 1917 hätte die Geschichte verändert. Die Zukunft meint hingegen die in der Magie, in der Prophezeiung und in den Religionen liegende Vorwegnahme. Zukunft und Fortschritt gehören zusammen.

Hingegen kennt die Augenblicklichkeit heute weder Vergangenheit noch Zukunft. Stattdessen liegen der Futurismus oder die Zukunft im Augenblick selbst. Das macht die eigentliche Beschleunigung des Realen aus. Der Augenblick ist nicht mehr nur eine Art Mikro-Gegenwart. Nein, er ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einem. Ja, er ist die Zeit der Tele-Aktion und der Tele-Realität. Die heutige Krise der Geschichte ist im wesentlichen dadurch bedingt, dass die lange Dauer der Dreiteilung der Zeit von der Augenblicklichkeit, dem Unmittelbaren, der Ubiquität und der Gleichzeitigkeit verdrängt wurde. Das lässt sich nicht demokratisch, sondern nur durch Tyrannei zusammenhalten. Es ist das Attribut des Göttlichen. Das Reale ist tyrannisch geworden. Wir leben in einer Tyrannei der Realzeit. Die heutigen Tyrannen heißen nicht mehr Hitler, Mao, Stalin oder wie auch immer. Die Tyrannei liegt in der Beschleunigung der Realität begründet. Die über die Geschichte herrschende Realzeit ist zum Tyrannen unserer Zeit geworden. Weil dies so ist, behaupte ich auch, dass der Klimawandel vor allem ein uns betreffendes energetisches Ereignis ist.

Könnten Sie noch etwas mehr zur Beziehung von Architektur und Geschwindigkeit sagen?
Genau darüber spreche ich die ganze Zeit. Die Architektur, der Urbanismus und die Geschwindigkeit bilden in meinen Augen ein Ganzes. Deshalb ist es auch sehr schwierig, diese Probleme herunterzubrechen. Wenn jetzt in der Folge nochmals von den alten Gesellschaften die Rede ist, so befinden wir uns ganz in der Architektur, sogar in der Renaissance. Diese Gesellschaften beruhten auf der Perspektive des realen Raumes. Das gilt für das ganze Quattrocento. Denken Sie nur an Leon Battista Alberti, Sandro Botticelli, Paulo Ucello oder Piero della Francesca. Die Perspektive hat die Geschichte der Stadt und der Kunst gemacht.

Dass unsere Gesellschaften etwa seit dem 15. Jahrhundert perspektivistisch sind, hing – aufgepasst – auch mit der Brille zusammen. Immer ist da das Phänomen der Optik im Spiel. Derzeit erleben wir den Übergang vom realen Raum der klassischen Perspektive im Sinne des Quattrocento, die alles organisierte, zur Perspektive der Realzeit. Wenn Sie Google benutzen, wo man per Tastendruck sieht, was irgendwo auf der Welt geschieht, und wo man per nochmaligem Klick die Straße und schließlich einen kleinen, dort entlangfahrenden Wagen sehen kann, so haben wir es mit dem Phänomen der Perspektive zu tun. Aber dabei handelt es sich eben nicht um eine Perspektive des realen Raums mit Fluchtlinien und Fluchtpunkten, sondern um die Perspektive der Realzeit. Die Realzeit erscheint uns über die Bilder auf dem Bildschirm. Hier machen wir die Entdeckung, dass das Feld der Perspektive nicht nur durch das Fenster sichtbar wird, worüber wir sprachen, es ist die Perspektive der Avenue mit einem Monument am Ende wie dem Vatikan mit Petersdom. Hier und jetzt spielt sich alles auf dem Bildschirm ab.

Wohin führt uns die Tele-Realität?
Diese sich hier vor unseren Augen ereignende, unerhörte Mutation überfordert uns völlig, und keiner hat sie bisher wirklich begriffen. Wir haben uns längst in die Tele-Realität hineinbegeben. Die Erfindung des Fernsehens war verglichen damit nichts. Wir sind in eine Tele-Realität eingetaucht, die nichts anderes ist als die Tyrannei der Realzeit in ihrer Perspektive. Wir sind so sehr auf deren Perspektive fixiert, dass wir darüber den ganzen Rest vergessen. Es verhält sich so, wie Blaise Pascal sagte: “Zu große Nähe und zu große Entfernung verstellen die Sicht.“

Gegenwärtig geschieht etwas Ungeheuerliches mit der Natur der Verblendung. Von der Blindheit der Perspektive des Quattrocento waren die Vororte, eben das offene Land betroffen. Alles war fokussiert auf die durch die Kathedrale entstandene Achse oder durch die Achse des Tempels. Die Blindheit betraf alles, was sich darum herum befand. In der Realzeit-Gesellschaft verhält es sich genau umgekehrt. Das Nichtsehen betrifft nicht das Ferne, sondern das Hier, da man im Wesentlichen nur sieht, was entfernt, jenseits von uns ist, aber nicht, was nah, um uns herum ist. Aus einer die Randzonen ausschließenden ist eine die physische Nähe eliminierende Sicht geworden. Das Hier-Zusammensein ist verloren. Dass die Leute mit ihren Mobiltelefonen sich nicht mehr in der Welt, sondern im Universum des Mobiltelefons befinden, hat natürlich beträchtliche Auswirkungen auf die Architektur – sowohl auf die der Stadt wie auch auf das alltägliche Leben. Darüber schrieb ich in meinem Buch „Rasender Stillstand“.

Wenn der virtuelle Raum mehr und mehr den realen dominiert – was geschieht
dann mit dem realen Raum?

Wir wohnen derzeit einer Veränderung der Natur des Stillstands bei. Es ist das Ende der Herrschaft der historischen, jahrtausende alten Sesshaftigkeit, die auf das Neolithikum zurückgeht. Es umfasst sieben bis zehntausend Jahre. Damit ist es jetzt vorbei. Der Stillstand der Realzeit stellt die Sesshaftigkeit infrage. Egal wo, man ist überall sesshaft, in einem Jet, in einem Aufzug, in einem Wagen, auf Rollschuhen oder auf einem Skateboard. Diese frühere Form der Fixiertheit ist längst überholt.

Die Globalisierung bringt diese globale Stadt auf den Weg, über die wir bei Massianus sprachen: Sie setzt uns in Bewegung, wir werden herumfahren und wir werden den Verkehr bewohnbar machen. Dadurch kommt es zu dem urbanen Exodus. Die Bevölkerung der Städte in der Welt schwindet kontinuierlich und sprunghaft. In Russland sind es bereits 400 Städte, in den USA 63 – unter ihnen Cleveland, Philadelphia, Detroit und Kansas City. Werspricht darüber? Niemand. Was heute verloren geht, sind nicht die Wohnungen, sondern die historische, traditionelle Stadt. So entleert sich eine Hauptstadt wie Lissabon. Früher hatten wir das Problem der Landflucht, die erst zu den Industrie- und dann zu den Megastädten führte. Man sagt uns heute, die Städte seien doch wunderbar und intakt. Tokio zähle 30 Millionen und Mexico City 40 Millionen Einwohner. Das Ganze ist ein Scherz. In Wahrheit gehen wir dem Ende entgegen. Nach dem, was wir Urbanismus nennen, nach der zunächst agrarischen, dann städtischen Sesshaftigkeit, die etwa 7.000 bis 10.000 Jahre lang währte, nun also die Epoche des „Exurbanismus“.

Dabei wäre es falsch, von einer Desurbanisierung oder von einer Vorstadturbanisierung zu sprechen. Was waren denn die russischen „Desurbanisten“ auf der Seite der amerikanischen Atlantikküste? Ihr Prinzip war es, aus Städten Straßen zu machen. Gemäß dem Stadtplan von Le Corbusier sollten die Städte linearisiert werden. Die Tatsache, dass das Auto die Stadt prägte, führte zu Ballungsräumen und damit zu Orten, die noch weiter vom eigentlichen Stadtkern entfernt sind als die Banlieue. Es stimmt, dass der amerikanische dem sowjetisch-russischen Suburbanismus glich.

Dieses utopische Projekt der Desurbanisierung gipfelte in den „Conurbations“, wie man sie besonders an der atlantischen Küste Amerikas findet. Der Suburbanismus brachte Orte mit hinter einer Mauer befindlichen flachen Gebäuden hervor. In diesen von begrenzten Gemeinschaften bevölkerten Zonen kommt es zu den Vorortsdramen, wie wir sie aus Frankreich und von anderswo kennen. Exurbanismus heißt nichts anderes als das Ende der Stadt.

Welche Folgen wird das Ende der Stadt haben?
Was dagegen bewohnbar gemacht wird, ist die Bewegung. Von daher werden sämtliche wichtigen Knotenpunkte, darunter Bahnhöfe, Häfen und Flughäfen, also die multimodalen Plattformen, an denen man das Fahrzeug wechselt, aus dem Flugzeug ins Taxi oder in den Bus umsteigt, zu den eigentlichen Stadtzentren. Sie treten an die Stelle von Markt-, Rathaus- und Vorplätzen sowie an die Stelle der Kathedralen. Die eigentlichen Zentren befinden sich dort, wo man von einer Geschwindigkeit zu einer anderen wechselt. Es versteht sich von selbst, dass die Tele-Technologien bewirken, dass jeder Mensch zur Stadt wird.

Der Mensch wird zu Stadt – wie dürfen wir das verstehen?

Die Geschwindigkeit der Wellen setzte mit dem Radio ein. Ich erinnere mich gut an die Zeit während des Krieges, wenn man das Radio einschaltete. Kaum war eine Stimme zu hören, schon waren die Stadt und die Welt bei uns zuhause eingetroffen. Mit den neuen Technologien ist die Stadt über uns, so dass man sie mit sich mitnimmt. Nicht nur das Telefon, sondern die Stadt und sogar das Leben trägt man bei und mit sich.

Mit dem Prozess der Exurbanisierung wird jedes Individuum zu einer Stadt – mit wechselseitigen Beziehungen zu seinen Freunden durch Facebook, Chat und was es sonst noch gibt. Zur Zeit des Radios war die Stadt bei Ihnen zu Hause. Erst war die Stadt diejenige, wo man sich aufhielt. Für einen in Athen wohnenden Griechen war sie nicht bei ihm zuhause. Die Stadt war weder die Wohnung noch das Haus und auch nicht der Tempel. Der Stadtstaat wurde begriffen als das gemeinschaftliche, das demokratische Haus ihrer Bewohner.

Mit der durch die Transportmittel einsetzenden Revolution, wegen der die Bauern in die Stadt zogen, also aufgrund der Übermittlung war man zu Hause. Wenn man früher wissen wollte, wie das Wetter war, öffnete man das Fenster und sah auf dem Thermometer nach. Von dem Moment an, da die Nachrichtenübermittlung revolutioniert wurde, schaltete man das Radio ein, um den Wetterbericht zu hören. Heute treten wir in eine Epoche ein, da die Stadt über uns ist, und morgen wird sie bereits in uns sein mithilfe von Wanzen und Implantierungen. Vorbei ist die Zeit des Realen und des Universellen. Das eigentliche Problem ist nicht das Virtuelle, sondern die Geschwindigkeit. Die Lichtgeschwindigkeit hat das Reale ins Virtuelle verkehrt. Sie herrscht über das Licht. Die Beschleunigung des Realen ist folglich überoder hyper-real. Die Logik ist also eine andere als die des Realen und Virtuellen.

Um das Pantheon in Rom – eine Architektur der Dauer – zu errichten, benötigte man Zeit und Schweiß. Heute kann man Bauwerke sehr viel schneller errichten. Worin unterscheidet sich die Architektur der Dauer von der der Geschwindigkeit?
Ihre Frage berührt den Begriff der Baustelle und damit das Problem des Materials. Bei der antiken Architektur, wozu die Pyramiden ebenso gehören wie die griechischen Tempel- und Befestigungsanlagen, handelt es sich um eine in der Gotik leichter werdende Architektur sowohl der Fülle als auch der Masse. Das Problem der Baugeschwindigkeit ist folglich an die Natur verwendeter Materialien geknüpft. Die heute eingesetzten Materialien sind von geringer Dauer. Die Frage der Schnelligkeit ist also abhängig von dem verwendeten Material. Mit der heutigen Vorfertigung ist auch der über 800 Meter hohe Turm von Dubai das Zeugnis einer Architektur der Zerbrechlichkeit. Wir alle haben in Realzeit verfolgt, wie das World Trade Center wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel. In Frankreich ist übrigens der Bau eines Wolkenkratzers ohne einen wenigstens die Aufzüge schützenden und die Böden im Gleichgewicht haltenden Betonkern verboten. Übrigens interessierten mich die Betonbunker des Zweiten Weltkriegs deshalb so sehr, weil sie für mich eine Art Metapher für Langlebigkeit sind.

Was bedeutet diese „Logik der Geschwindigkeit“ für die Arbeit des Architekten?
Es geht darum, den Verkehr bewohnbar machen. Wenn ich vom bewohnbaren Verkehr spreche, so ist damit nicht gemeint, dass wir in Autos, Flugzeugen oder in Containern wohnen werden. Vielmehr geht es darum, zu versuchen, die Choreographie der menschlichen Bewegung, die Art des menschlichen Wohnens zu verstehen.

Man hat es bisher versäumt, der menschlichen Bewegung, seiner Choreographie ein Heim in ihrer Größe zu schaffen. Der Choreograph lässt die Bewegung auf der Bühne zuhause sein. Darin besteht die Kunst des Tanzes. Hier erkennen wir den Seiltänzer von Friedrich Nietzsche wieder. In meinen Augen ist jeder Mensch ein Choreograph. Man muss seiner Bewegung und eben nicht seinen Proportionen eine Bleibe oder einen Ort geben. Was man unterbringen muss, ist die Dynamik des Menschen – so wie der Choreograph der Bewegung seiner Tänzer einen Raum gibt. Ja, meines Erachtens nach muss man die Bewegung mithilfe einer urbanen Architektur bewohnbar machen.

Was man bewohnbar gemacht hat, ist das Parken in Form von Parkplätzen. Die römischen „insulae“, also die antiken mehrstöckigen Gebäude, sind im Grunde nichts anderes als menschliche Parkplätze. Ob der Parkplatz 800 Meter – so wie in Dubai – oder vier Etagen hoch ist: es bleiben Parkplätze. Es sind Silos für Menschen. Apropos „Exurbanismus“: Eine Milliarde Menschen werden aus klimatischen Gründen, wegen anhaltender Konflikte, bedrohlicher Ernährungs- und Trinkwasserkrisen, wegen der Überschwemmungen kontinentaler Breiten weg gehen. Für diejenigen, die da unterwegs sind, wird man keine Stadt errichten.

In Städten mit schöner Architektur fühlen wir uns wohler als anderswo...
Ja, diese Städte sind wie Kleidung.

Wie aber können wir dann in auf Transfer ausgerichteten Städten wie Peking auf Dauer leben?
Es gibt keine Architektur ohne Rhythmus. Die Architektur gleicht hier der Musik, insofern sie rhythmologisch ist. Wer einen Tempel egal welcher Religion, eine Kathedrale oder eine romanische Kirche betritt oder wer die zum Vatikan führenden Straßen passiert, befindet sich nicht nur zwischen Steinen und Licht, sondern in einer Rhythmologie. Denn angesichts dieser alten Architektur sieht man sich ja nicht nur von Formen wie Gewölbe und Spitzbögen umstellt. Nein, man erlebt auch die Rhythmik der vom Licht begleiteten Abfolgen. Die alten, durch Jahreszeiten und liturgischen Feste bestimmten Gesellschaften waren rhythmisch.

Hingegen sind zum Schrecken unserer Augen die Gesellschaften, in denen wir heute leben, ohne melodische Linie, arhythmisch und chaotisch. Da wird ein Kasten neben den andern hingesetzt ohne Rücksicht darauf, ob es sich rhythmisch zusammenfügt – völlig egal, ob er genial, groß oder klein ist.

In Bezug auf die Frage des Rhythmus ist die Dromologie eine Wissenschaft von der Musik. Dahinter steht, wenn man die politische Ökonomie der Geschwindigkeit berücksichtigt, die Vorstellung einer zeitgenössischen Theorie des Rhythmus. Sie müssen etwas verstehen, das zu lehren ich nie müde geworden bin: dass die Architektur kein Raum, sondern ein Zeit-Raum ist. „Die Architektur liefert den Gegenstand einer kollektiven und simultanen Rezeption.“ Dieser Satz Walter Benjamins über Architektur ist der schönste, den er jemals darüber geschrieben hat.

Hingegen ist ein Satz wie der von Le Corbusier: „Architektur ist die Kunst der unter dem Licht versammelten Volumen“ absolut nichtssagend und völlig bedeutungslos für unsere Epoche. Er beleuchtet allenfalls die Vergangenheit. In dem Zitat von Benjamin ist bereits das enthalten, was ich über den „Rasenden Stillstand“ gesagt habe. Als Architekt habe ich immer mit der Zeit im Raum gearbeitet. Ich bin Anhänger Einsteins, eben ein Relativist, für den die Architektur mit der Definition der Geschwindigkeit verbunden ist. Die Geschwindigkeit ist kein Phänomen, sondern die Beziehung zwischen den Phänomenen, also Relativität. Insofern ich ein relativistischer Architekt bin, muss alles, was ich Ihnen hier sage, innerhalb er Relativität verstanden werden, das heißt innerhalb der Relativität der Rhythmen und auch des Tempos und der  Bewegung.

Ich erlebe Architektur durch meine Bewegung. Sie erst lässt mich die Architektur wahrnehmen. Dabei handelt es sich nicht nur um die Bewegung des Körpers, sondern auch um die der Augen. Da im Bewohnbaren alles Bewegung ist, ist die Bewegung auch beim Bewohner. Es ist nicht nur ein Problem der Luft, der Atmosphäre, der Wärme. Das ist ein lächerlicher Materialismus.

Das ist alles, was ich Ihnen in einem Gespräch wie dem von uns gerade geführten sagen kann. Aber ein dreistündiger Vortrag vor einer Wandtafel wäre besser. Ich hatte immer eine große Tafel hinter mir.

Vielen Dank auch für diese Relativierung und für das Gespräch.


Übersetzung aus dem Französischen von Bernward Mindé

Paul Virilio, geb. 1932 in Paris, studierte Architektur und Urbanistik. Aufsehen erregte Virilio zunächst als Architekt: mit Claude Parent entwarf er in den späten 1950er Jahren utopische Architektur und baute 1963 – 1968 die Kirche Sainte-Bernadette du Banlay in Neves. 1968 gründete Virilio die Pariser Architekturschule „École Spéciale d'Architecture“, die er bis zu seiner Emeritierung 1998 leitete. 1987 erhielt er den „Grand Prix National de la critique architecturale“. Virilios „Dromologie“ ist eine Forschungs- und Sichtweise zur Untersuchung gesellschaftlicher Verhältnisse unter Berücksichtigung der Geschwindigkeit.

Weitere Informationen zu Paul Virilio in der wikipedia