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Patina

„Wir dürfen Experimente machen“

Bauhaus gestern – Bauhaus heute

Das Bauhaus war lange Zeit maßgebliche Ideenschmiede für Visionen und Wünsche, Architektur und Design.
Was ist aus diesem Vorhaben geworden? Wir sprachen mit Dr. Walter Prigge von der Stiftung Bauhaus Dessau über die Ideen und das, was aus ihnen heute geworden ist.

Herr Dr. Prigge, was waren die ursprünglichen Wünsche des Bauhauses an die Architektur und das Design?
Hier sind fünf wesentliche Anforderungen zu nennen: Die Gebrauchsgegenstände und Häuser sollten industriell hergestellt werden, so dass eine immer gleiche Qualität der Produkte gewährleistet werden konnte; das konnte das Handwerk nicht leisten. Damit war auch der zweite Wunsch des Bauhauses verbunden: der Aspekt der Demokratisierung oder Egalität – gleiche Qualität für alle. Drittens sollten die Produkte so preiswert sein, dass sie sich jedermann leisten konnte – Volksbedarf statt Luxusbedarf lautete hier das Motto. Und schließlich sollten die Produkte eine bestimmte ästhetische Qualität aufweisen, also schön sein. Und fünftens müssen die Dinge funktional, also gut zu gebrauchen sein.
Dennoch können wir hier im eigentlichen Sinne nicht von den Wünschen des Bauhauses sprechen, denn dazu war das ursprüngliche Konglomerat aus berühmten Malern und Architekten, aus den drei Direktoren Walter Gropius, Hannes Meyer und Mies van der Rohe doch zu unterschiedlich und vielfältig. Diese Vielfalt ist jedoch, als Gropius das Bauhaus verließ, verloren gegangen. Einerseits trug dann Gropius in Amerika wesentlich zu der Mythenbildung des Bauhauses bei, die sich heute immer wieder in den bekannten Häusern, Stühlen und Lampen abbildet. Gegen diesen Mythos kämpft man heute an. Andererseits fand bei den Bauhäuslern ab den 1930er-Jahren – bedingt durch den Faschismus und neue Kontexte – eine Entwicklung statt, innerhalb derer die Extreme der Ideen zurückgenommen wurden. Wir müssen heute diese Vielfalt des Bauhauses, die es in den 1920er-Jahren gab, zurückgewinnen.

Wenn wir die ursprünglichen Ideen des Bauhauses mit unseren heutigen Wünschen an das Bauen vergleichen – was würde ein „Bauhäusler“ heute denken, wenn er beispielsweise die Gropiusstadt in Berlin durchqueren würde?
Die Bauhäusler wären heute sicherlich nicht frei von Selbstkritik. Aber sie würden – gerade bei der Gropiusstadt – erst einmal eine andere Kritik formulieren: nämlich dass die ursprüngliche Konzeption von Gropius gar nicht realisiert wurde. Gropius hatte weder diese Gebäudehöhen noch diese Verdichtung vorgesehen, die dieser Stadtteil heute aufweist. Er wollte nur mit fünf Stockwerken und viel mehr landschaftlich bauen. Durch den Mauerbau bedingt ist die Gropiusstadt aber stärker verdichtet worden.
Wohl würden die Bauhäusler mit uns heute sagen, dass diese Form der Wohnsiedlung, wenn sie denn nicht sozial homogen gemacht wird durch bestimmte Belegungspolitiken, durchaus gut funktionieren kann. Das Problem ist ja, dass nicht alle Menschen in den bestehenden Gründerzeitgebäuden leben können, denn davon gibt es nicht genügend. Die sozialen Rückwärtsbewegungen, die wir heute wieder erkennen, das Zurückgreifen auf „vormoderne“ Formen des 19. Jahrhunderts, auf die bürgerliche europäische Stadt, das würden die Bauhäusler aber wohl nicht als richtig ansehen. Und so würden sie uns wahrscheinlich fragen, warum wir in den letzten Jahrzehnten nicht über etwas ganz anderes nachgedacht haben, ob es nicht auch Alternativen im Sinne anderer Urbanisierungsmodelle geben könnte. An diesen Modellen arbeiten wir ja heute.

Das Bauhaus hat ein hohes Maß an Designqualität etabliert – eine Qualität, die wir heute nicht mehr unbedingt überall vorfinden. Gehen die Ansprüche an gestalterische Qualität, an hochwertige Materialien verloren?
Früher sprachen wir von „form follows funktion“ – heute von „form follows Fertigung“. Wir haben hier drei Aspekte zu betrachten: Die heutigen Fertigungsprozesse erlauben einerseits eine große Vielfalt von Formen, andererseits zeichnet sich seit längerem eine Gegenbewegung hin zum Einfachen, Reduzierten, Minimalistischen ab – fast wieder zurück zu den Ur - formen des Bauhauses. Und drittens haben wir bei den Luxusprodukten eine hervorragende Materialbehandlung und hohe Qualität. Diese vielfältige Marktsituation ist, gemeinsam mit dem Preis, bestimmender Faktor für heutige Gestaltungsfragen. Markt und Preis regulieren alles. Im hochpreisigen Segment haben wir eine hohe Qualität und gutes Material – im niedrigpreisigen eben nicht. Gestalter entwerfen heute stets am Marktsegment entlang.

IKEA hat das Prinzip des Bauhauses – Design für alle zu einem erschwinglichen Preis – aufgegriffen. Wäre ein Bauhäusler heute glücklich, wenn er durch ein IKEA-Kaufhaus schlendern würde?
IKEA bietet ein ausgeklügeltes System, bei dem die einzelnen Teile wählbar und kombinierbar sind. Wir können eben heute wählen im Markt, das ist die neue Situation, die Gropius und andere auch schon voraussahen: Wir bieten euch einen Katalog mit Teilen für ein Haus, ihr könnt aussuchen, und wir montieren das – das war die Bauhaus-Idee. IKEA bietet ein System der Wahl, und realisiert – mit bestimmten Einschränkungen der Qualität – preiswerte, schöne und funktionale Formen, die industriell hergestellt sind. Insofern denke ich: IKEA ist der legitime Nachfolger des Bauhauses. Das Bauhaus ist vor dem letzten Schritt zur industriellen Fertigung stehen geblieben. Bis auf einige kleinere Möbel und Lampen, die industriell hergestellt wurden, sind die Produkte des Bauhauses Prototypen geblieben.

Welche Wünsche haben Sie, hat die Stiftung Bauhaus Dessau, an das Bauen, an Architektur und Design?
Das Bauhaus war eine experimentelle Institution. Das ist sie zum Teil heute wieder: Wir dürfen Experimente machen. Intern nennen wir es die „Spinnerinstitutionen“, die andere Wege gehen können. Das Zweite wäre die Qualität: Es gibt viel zu wenig Qualität in der Architektur, in der Gestaltung – überall um uns herum. Und das Dritte ist, gegenüber den Retroansätzen: Zeitgenossenschaft. Wir sollen Fragen der Gegenwart beantworten und somit auch Formen für die Gegenwartsgestaltung finden. Das wären meine Wünsche: Experiment, Qualität und Zeitgenossenschaft.

1923 löste Gropius den alten Grundsatz „Kunst und Handwerk“ ab durch den der „Kunst und Technik“. Ist diese Programmatik „Kunst und Technik“ nicht heute ein „alter Zopf “?
Damals gab es das Handwerk und das Kunsthandwerk, die sich verbunden hatten. Gropius forderte, dass sich die Kunst mit der Technik verbinden solle. Das ist für uns ganz selbstverständlich geworden. Man muss aber heute neu nachdenken über die Verhältnisse von Form, Funktion und Fertigung – sowohl vom Handwerk als auch von Kunst und Industrie her. Hier muss man weg von der Produktgestaltung. Denn das ist der Haken: Kunst und Technik haben sich immer auf die reine Produktgestaltung bezogen, während wir heute einen weiteren Gestaltungsbegriff haben. Heute geht es nicht nur um das unmittelbare Produkt, sondern wir müssen den Kontext des Produktes, den Verwendungszusammenhang mitgestalten. Die Ulmer Schule hat früh angefangen, diese Idee der Umweltgestaltung zu denken – nicht im Sinne der Ökologie, sondern im Sinne der Umwelt als Kontext des Produktes.
Es geht heute nicht allein um das Produkt Haus oder Möbel. Wir forschen nicht über Funktionen und entwerfen dann die Form – Forschen und Entwerfen müssen sich neu sortieren. Form, Funktion und Fertigung müssen in ein neues Verhältnis gebracht werden, weil wir an alle Elemente immer wieder neue Anforderungen haben.
Kunst und Handwerk sind alte Zöpfe, wenn wir sie und ihr Verhältnis aus dem Jahr 1925 heraus betrachten. Wir sind heute schon einige Schritte weiter und haben Kunst, Handwerk und Technik immer wieder experimentell in einen neuen Kontext zu setzen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Dr. Walter Prigge zeichnet bei der Stiftung Bauhaus Dessau verantwortlich für Forschungen, Veranstaltungen und Ausstellungen in den Bereichen Stadt, Architektur und Raum.