 |
 |
 Foto: Ulrike Wittkowsky  Ein Gebäude, bei dem der Besucher in eine dynamische Bewegung um die Fahrzeuge herum versetzt wird: das Mercedes-Benz Museum in Stuttgart (Foto: Baubild Berlin, Stephan Falk)  Masdar City nahe Abu Dhabi wird die erste CO2-freie Stadt der Welt sein. Der zentrale Platz mit flankierenden Gebäuden, entworfen von LAVA, ist gekennzeichnet von überdimensionalen Sonnenschirmen: Schirme im Detail, die nachts eingeklappt die aufgestaute Wärme des Tages entweichen lassen. (Foto: LAVA - Laboratory for Visionary Architecture)  Der Platz als offener und dennoch klimatisch beherrschbarer städtischer Raum. (Foto: LAVA - Laboratory for Visionary Architecture)  Sicht von oben. (Foto: LAVA - Laboratory for Visionary Architecture)
|
|
Gespräch
Wie es vielleicht auch ganz anders sein könnte
Tobias Wallisser
Digitale Entwurfstechniken und der Einsatz innovativer Technologien sind für Tobias Wallisser Hilfsmittel, Architektur neu zu denken; Räume zu entwickeln, die es so noch nicht gab. Architektur, die weit über das hinausgeht, was bislang vorstellbar war. Wie beispielsweise ein kühler städtischer Platz mitten in der heißen Wüste – CO2-neutral, versteht sich. Wir sprachen mit dem Partner des Büros LAVA über Ideen, Visionen und Wünsche an die Architektur.
Herr Prof. Wallisser, Sie nennen Ihr Büro: „LAVA – Laboratory for Visionary Architecture“. Was verstehen Sie unter „visionärer Architektur“? Bei der Gründung unseres Büros suchten wir einen programmatischen Namen, der Biographien und Selbstverständnis der drei Partner widerspiegelt. Bei uns sind als wesentliche Parameter zu nennen: das Streben nach innovativen Lösungen und die immer wieder faszinierende Frage „Was wäre, wenn ... ?“ Im eigentlichen Sinne ist visionäre Architektur nichts anderes als der Versuch der Darstellung von gebauter Umwelt vor dem Hintergrund der Frage, wie es vielleicht auch ganz anders sein könnte. Wie könnte gebaute Umwelt unter verschiedensten Prämissen aussehen? Das ist der Beitrag, den Architekten leisten können, um inhaltliche Diskussionen anzustoßen. Hier tangieren wir gedanklich den Begriff der Utopie. Utopien aber formulieren einen allumfassenden Anspruch, gesellschaftliche, soziale und technische Aspekte zusammenzubringen. Die Vision dagegen umfasst zwar immer auch soziale Aspekte, ist aber weniger politisch-gesellschaftlich motiviert.Wir haben uns ganz bewusst nicht als klassisches Architekturbüro bezeichnet, sondern verstehen uns eher als experimentelles Studio, daher die Bezeichnung „Labor“.
Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass LAVA die Brücke zwischen realer Welt und Träumen überbrückt. Zu einem Teil arbeiten wir wie ein Architekturbüro. Wir machen aber auch anderes: Projektionen über mögliche Städte oder Stadtentwicklungsszenarien der Zukunft beispielsweise. Mit unserem Selbstverständnis wollen wir zum Ausdruck bringen, dass wir noch einen ganz anderen Beitrag erbringen wollen zu dem, was heute bereits verfügbar ist: Was man damit möglicherweise noch alles machen könnte. Wir wollen Denkanstöße geben und Diskussionen auszulösen. Im einen oder anderen Fall könnten diese dann auch realisiert werden. Und natürlich gibt es auch Projekte, die hauptsächlich Denkanstöße auslösen, und die – noch – nicht realisiert werden.
Wie kann man sich den Leitfaden für eine solche Projektentwicklung vorstellen? Das hat viel mit der Definition des „Entwerfens“ zu tun. Bei uns geht es weniger um die Realisierung dessen, was man sich schon immer vorgestellt hat. Vielmehr geht es darum, die Fragen nach den eigentlichen Herausforderungen, den Schwierigkeiten und Knackpunkten zu stellen – und mit diesem Wissen um die Probleme neue Arten von Lösungen zu entwickeln. Wir beginnen dabei – auch wenn wir natürlich formal expressive Projekte machen – nicht unbedingt mit der Form, sondern mit der Findung einer Organisation.
Gibt es heute so etwas wie eine „neue Generation“ von Architekten? In Deutschland ist man als Architekt im Alter von 50 Jahren noch jung. Wir haben hier im Vergleich zu anderen Berufen einen späteren Generationenwechsel. Im Ausland gibt es diesen schon deutlich früher. Hier planen auch junge Absolventen große Projekte. Bedingt durch Globalisierung und Vernetzung verwischen sich die Grenzen zwischen den traditionellen Strukturen des Planens und Bauens zunehmend. Daraus ergeben sich natürlich Fragen der Haftung und der Qualitätskontrolle, aber auch Chancen jenseits der traditionellen Wege.
Was heißt „neue Generation von digital ausgebildeten Architekten“, wie Sie einmal in einem Interview sagten? Man kann mit dem Computer Gebäude entwerfen, die man von Hand gar nicht hätte entwerfen können. Ein zentraler Begriff in der Architektur ist der Raum – und man kann sich ja durchaus vorstellen, dass die Entwicklung eines Raumes mit anderen Hilfsmitteln zu ganz anderen Ergebnissen führt, als wenn man sich nur manueller bedient. Beim gekneteten Modell habe ich zwar ein frei geformtes Objekt, aber ich kann nicht sagen, wie sich diese Form auf den Innenraum auswirkt. Bei der Arbeit mit dem Computer dagegen kann ich stets den äußeren mit dem inneren Raum abgleichen, kann in verschiedensten Perspektiven denken, interpretieren und bewerten. Formal-räumlich kann man mit dem Computer experimenteller arbeiten.
Ab einem bestimmten Punkt muss aber auch materialisiert werden. Wie weit spielt dieser Aspekt des Materials bei der Arbeit mit dem Computer eine Rolle? Das alte Vorurteil gegenüber der Arbeit mit dem Computer heißt: Man arbeitet im luftleeren Raum ohne Schwerkraft. Ich glaube, dass heute die klassische Dialektik zwischen Form und Material gerade durch die Arbeit mit dem Computer aufgehoben werden kann. Dadurch, dass man regelbasiert arbeitet, kann man einerseits Objekten Eigenschaften zuordnen, andererseits aber auch Grenzwerte definieren. Und man kann über schnelle Ausgabegeräte die Ergebnisse immer wieder testen, und die dadurch gemachten Erfahrungen wieder in den Entwicklungsprozess einbringen, ohne von vorne anfangen zu müssen. In dem Moment, in dem sich die komplette digitale Kette schließt, werden wir durchaus näher dran sein, Materialeigenschaften schon in den Entwurf mit einfließen lassen zu können. Während für den Renaissancearchitekten Leon Battista Alberti das Material einfach eine Masse darstellte, die darauf wartete, in Form gebracht zu werden.
Etwas, was man gern mit Beton in Verbindung bringt. Ja, mit Beton kann man sich das gut vorstellen. Aber durch den Einsatz digitaler Prozesse kann man das Material nicht nur in eine bestimmte Form bringen, sondern darüber hinaus Materialeigenschaften bei der Formgeneration berücksichtigen.
In den letzten Jahren ist es durch den Einsatz neuer Technologien und Materialien gelungen, Architekturen zu schaffen, die früher nicht hätten realisiert werden können. Werden künftig auch Oberflächen und Fassaden, Räume, Gebäude und Städte davon beeinflusst sein? Wir alle leben heute in einer viel technisierteren Welt als noch vor wenigen Jahren, und entsprechend haben sich unsere Anforderungen an die Umwelt, an die Interaktion mit Gegenständen – und eben auch an die mit Gebäuden – geändert. Bald schon werden Smartphones ganz selbstverständlich eine Fernsteuerung für verschiedenste Funktionen in Gebäuden bieten. Diese Konvergenz vieler technischer Geräte wird sich in einem anderen Nutzer - verhalten niederschlagen, und damit auch in anderen Anforderungen an Räume. Für die Architektur heißt das: Wir müssen erst einmal verstehen, was künftig überhaupt von den Menschen in einem Raum erwartet wird. Erst dann können wir darüber spekulieren, was diese Konvergenz der Geräte für den Raum bedeutet. Vielleicht bedeutet es, dass viele Dinge, die heute in einem Raum sichtbar sind, in Zukunft unsichtbar sein werden, dass wir auf die vielen kleinen technischen Komponenten, die wir heute an den Wänden installiert vorfinden, in Zukunft verzichten können. Ab diesem Moment kann ich Wände auch ganz anders denken und fragen: Welche Aufgabe erfüllt ganz unabhängig von ihrer Materialisierung, eine Wand? Ist sie temporäre Hülle oder Fenster oder Touchscreen? Je abstrakter ich darüber nachdenke, desto interessanter wird es: Wir können Räume schaffen, die es bislang noch gar nicht gab.
Welche Wünsche – Ihre eigenen wie auch die Ihrer Bauherren – standen bei welchen der von Ihnen realisierten Projekte jeweils im Mittelpunkt der Arbeiten? Zum Beispiel beim Mercedes-Benz-Museum in Stuttgart? Beim Mercedes-Benz-Museum lässt sich das einfach benennen: Bei der Planung des Museums wurden Architektur und Ausstellungskonzeption eng zusammengedacht. Die Faszination des Automobils geht aus von der Bewegung. Fahrzeuge müssen dynamisch sein. Stelle ich aber ein Automobil in ein Museum, so wird es statisch. Wunsch des Bauherren wie auch der Architekten war es also, ein Gebäude zu schaffen, bei dem der Besucher in eine dynamische Bewegung um die Fahrzeuge herum versetzt wird und die Räume des Museums quasi „er-fährt“. Als Anforderung an das Gebäude bedeutet das, dass die Räume im Sinne eines Kontinuums fließend sind: einzelne Raumbereiche gehen ineinander über, es gibt keine Türen, sondern Übergänge und Portale zu sich jeweils verändernden Räumen.
Ein anderes Projekt ist die Masdar Plaza in Masdar City ... Masdar, eine Planung von Foster und Partner, basiert auf der Idee, die erste CO2-freie Stadt der Welt zu bauen, also eine Stadt der Innovationen. Alle Gebäude müssen die Energie, die sie verbrauchen, auf dem eigenen Grundstück erzeugen. Gleichzeitig soll Masdar Standort für Forschung und Wissensaustausch sein, also keine Gartenstadt, sondern Schmelztiegel für die einheimische Bevölkerung und für Forscher aus aller Welt. Im Rahmen des Wettbewerbs hatten wir fünf Gebäude zu entwerfen. Wir haben ein zusätzliches sechstes Gebäude, nämlich den Platz als äußere Aufenthaltsfläche, geplant. Wir haben für die quadratisch angelegte Stadt mit maximal viergeschossigen Gebäuden einen Platz geschaffen, der vom Hotel- und Konferenzzentrum umschlossen wird. Städte werden erst durch ihre großen öffentlichen Räume zu Städten – aber in den Emiraten gibt es keine öffentlichen Außenräume. Unser Anspruch war es, dass die Stadt der Zukunft auch über einen solchen Identifikation schaffenden öffentlichen Raum verfügen solle, der auch Ausdruck bürgerlichen Selbstverständnisses, vielleicht sogar politisches Statement ist. Entsprechend haben wir den Platz gestaltet: mit vielfältigen Nutzungen und technischen Innovationen, die eine funktionierende Nutzung auch im Wüstenklima zulassen: Dieser öffentliche Raum produziert so viel Energie, dass zu jeder Tages- und Nachtzeit ein angenehmes Aufenthaltsklima geschaffen wird. So etwas hat es in der Wüste bislang noch nicht gegeben. Wir kennen die Oasen als wunderbare öffentliche Aufenthaltsorte, in den Städten aber, die in den sechziger und siebziger Jahren nach amerikanischem Muster entstanden sind, hatte man als größere Aufenthaltsorte stets hermetische, klimatisierte Innenräume vorgesehen. Kindergeburtstage werden aus diesem Grund hier in Shopping Malls gefeiert, also Räumen, die klimatisch beherrschbar sind. Unsere Partner, die damals an dieser Planung mitgewirkt haben, konzipieren derzeit ähnliche Lösungen im Rahmen der Planungen für die Fussballweltmeisterschaft in Doha, Katar.
Welche Projekte bearbeiten Sie derzeit? Kürzlich abgeschlossen haben wir unsere Arbeiten über eine Zukunftsvision für eine Stadt in der Wüste in Saudi-Arabien, 40 Kilometer westlich von Riad, mitten im Nirgendwo, eine Stadtansiedlung für die Zeit „post oil“. Weiterhin arbeiten wir derzeit an einem Masterplan für eine Forschungsuniversität in Saudi-Arabien, mit einem 24-geschossigem Niedrigenergiegebäude für 2.000 Angestellte als erstem Bauabschnitt. Dieses Projekt, das zwar Licht, aber keine Wärme von außen in das Gebäude einlässt, erarbeiten wir ebenfalls gemeinsam mit der Fraunhofer-Gesellschaft. Und in Berchtesgaden haben wir gerade den Prototypen einer neuen Jugendherberge im Rahmen eines Umbauprojektes realisiert.
Sie haben eine Professur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Welche Anforderungen stellen Sie da? Welche Wünsche haben Sie an Ihre Studenten? Hier muss man unterscheiden zwischen der Architekturausbildung an einer technischen Universität, einer Hochschule für Technik und der Kunstakademie. Wir verfolgen an der Akademie das Konzept, eigenständig denkende Architekten auszubilden. Unser Wunsch ist es, dass die Studierenden ihren eigenen Zugang zur Architektur finden. Wir legen hohen Wert auf ein sehr persönliches Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden und auf die Betreuung der Studenten. Und achten darauf, dass unsere Studierenden auch Anregungen aus Gebieten außerhalb der Architektur bekommen und diese in die eigene Arbeit einfließen lassen.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
www.l-a-v-a.net
www.de.adk-stuttgart.de
|