Foto: Sanna Nübold


Essay

Vom Feindbild der Kulturkritik zum Wunschmaterial

Eine Überlegung

Beton gilt als der wichtigste Baustoff der Moderne. Er gehört zu ihrem Mythos. Immer, wenn in den letzten hundert Jahren vom Bauen erzählt wurde, konnte vom Beton nicht geschwiegen werden. Wie reden die Menschen eigentlich von Betonarchitektur? Und was denken sie, wenn sie über sie reden?

Beton: Dieser Begriff setzte in den letzten Jahrzehnten Assoziationen frei, die dem Baustoff nicht wirklich gut bekamen. Er verband sich sprachchemisch mit anderen Begriffen, was zu unfrohen Reaktionen führte. Es war beispielsweise die Rede von „Betonköpfen“. Allgemein wird Beton umgangssprachlich und mithin umgangsgedanklich mit einem Mangel an Flexibilität, Offenheit und Transparenz in Verbindung gebracht. Wo Betonköpfe sind, ist auch die „Bunkermentalität“ nicht weit, zumal Bunker die mögliche Massivität des Betons betonen – und mit der Erfahrung des Krieges verbunden sind. Also: Sogar die Tatsache, dass Beton einst Leben rettete, wurde ihm umgangssprachlich zum Nachteil ausgelegt.

Ein produktives Missverständnis

Hier liegt ein Missverständnis vor, vielleicht sogar ein produktives. Man unterscheidet nicht hinreichend zwischen einer möglichen Eigenart des Betons – seiner Massivität und Härte – und seiner Funktion in der Architekturgeschichte. Letztere zeigt nämlich, dass es keinen geschmeidigeren und flexibleren Baustoff als Beton gibt. Beton kann als Baustoff mit vollem Selbstbewusstsein auftreten: so z.B. in Form der Wallfahrtskapelle Notre-Damedu-Haut auf einem Hügel im Osten Frankreichs. Dieses Geniewerk Le Corbusiers, das 1955 fertiggestellt wurde, ist bis heute eine Ikone des modernen Kirchenbaus und das Kraft ausstrahlende Vorbild unzähliger anderer Kirchenbauten auf der ganzen Welt. Es erhöhte die Akzeptanz für Beton als Baustoff sakraler Gebäude fundamental, zumal der Architekt „ungeniert“ mit Sichtbeton arbeitete, was bei einer katholischen Kapelle 1955 sensationell war! Beton kann sich aber auch so zurücknehmen, dass er als Beton kaum noch wahrnehmbar ist. Und: Architekten können mit ihm spielen, wie es der aus Venedig stammende Carlo Scarpa tat, als er im norditalienischen San Vito d´Altvitole eine atmosphärisch dichte Grabanlage für die Familie Brion schuf, die mit Symbolen, Zitaten, Räumen, kleinen Kanälen und der Natur in einer Weise spielte, die niemand vergisst, der diesen Dorffriedhof jemals besucht hat. Nach seinem Tod, so war es testamentarisch vorherbestimmt, durfte er selber dort Unterschlupf finden.
Aber noch in einem anderen Sinne bleibt die Flexibilität der Betonarchitektur denkwürdig: Sie konnte einigermaßen schnell auch auf Richtungen der Bildenden Kunst reagieren, besonders auf den Kubismus, der malerisch bei Georges Braque und Pablo Picasso schon vor dem Ersten Weltkrieg abgeschlossen war. Im Unterschied zum Wirken des späteren Scarpa war der Einfluss des malerischen Kubismus auf die Architektur nach dem Ersten Weltkrieg ganz unverspielt, minimalistisch und führte u. a. zum Bauhaus. Der funktionale Bauhausstil tendierte gegen die Intention seiner Initiatoren zur teilweise trostlosen Kargheit der Trabantenstädte. Walter Prigge von der Stiftung Bauhaus Dessau erzählt in diesem Heft, wie es dazu kommen konnte. Der Soziologe und Arzt Alexander Mitscherlich formulierte in seinem 1965 erschienenen und noch lange fortwirkenden Buch „Die Unwirtlichkeit der Städte“ das Unbehagen auch an einer Betonarchitektur der Vorstädte, die dem Kosten-Nutzen-Kalkül der Bauherren gegenüber sich allzu flexibel zeigen musste.
Was dürfen wir uns wünschen angesichts der extremen Spannbreite dessen, was Betonarchitektur vermag? Erst einmal, dass Betonarchitektur sich ihrer regionalen Umgebung einpasst – ohne sie nachzuäffen. Diese Einpassung kann gerade der Betonarchitektur mit ihrer stofflichen Flexibilität besonders gut gelingen. Aber in unseren Wünschen können wir uns auch von einem inspirieren lassen, der die Wünsche bereits erfüllt hat. Peter Zumthor, der Philosoph unter den Architekten, gibt in seinem 2006 gedruckten Vortrag „Atmosphären“ Winke für eine Architektur, die Heimat anbieten kann: Zu bedenken sei der Klang eines Raumes auch in der Stille, der Lichteinfall und die Temperatur – nicht nur die Temperatur in Grad Celsius, sondern Temperatur als Gestimmtheit. Zumthor spricht von der „Magie des Realen“ und fragt sich selbst, ob ein Architekt Atmosphäre entwerfen könne.
Bauherren und Architekten, die sich solche Fragen stellen, bewirken, dass Räume dem Menschen das Wohnen in dieser Welt ermöglichen. Dies muss prospektiv, bereits aus einem Wohngedanken heraus, geschehen, denn, so der Philosoph Martin Heidegger: „Wir wohnen nicht, weil wir gebaut haben, sondern wir bauen und haben gebaut, insofern wir wohnen…“ Dies bedeutet auch, dass wir immer schon von einer Wohn-Vorstellung her das Gebaute betrachten und unsere Wünsche an die Architektur richten.

Martin Thoemmes ist freier Journalist und Autor und lebt in Lübeck.