Foto: Jens Achtermann


Orte

Formen und Flächen

Besucherzentrum Herkules in Kassel

Manche stehen auf Pixel, Pünktchen oder Persianerfell. Auch der Abdruck von Flechtgewebe, Gräsern, Schraffuren oder Muschelförmigem ist möglich. Wie kaum ein anderer Werkstoff eignet sich Sichtbeton, spezifischen Wünschen eine Form zu geben. Staab Architekten aus Berlin wollten für ihr Besucherzentrum am historischen Bergpark in Kassel eine reliefartige Betonhaut, die mit dem Tuffstein des nahen Herkules-Monuments korrespondiert.

Wünsche werden oft unerwartet erfüllt. Und das ist auch gut so. Denn wer die Wahl unter Hunderten von Strukturmatrizen hat, braucht dezidierte Entscheidungskriterien für das jeweilige Bauwerk. Schon schlichter Sichtbeton, soll er gut ausgeführt werden, ist eine Aufgabe für sich. Gehören die Wahl des Betons sowie das Know-how der Betonbauer zur Pflicht, sind Auswahl und Planung der Schalung bereits Teil der Kür. Heute lassen sich spiegelglatte Flächen oder gestaffelte Geometrien eins zu eins in Beton abbilden, samtige Abdrücke zarter Pfirsichhaut ebenso wie genarbtes Leder. Oft schwebt der Wunsch nach trendigen Strukturen im Hinterkopf mit, die sich alle mehr oder weniger einfach an den Betonflächen realisieren lassen. So erhalten Sichtbetonwände – mit entsprechender Rezeptur und den passenden Trennmitteln – mittels Gummimatrizen oder elastischen Vorsatzschalungen Ansichten, die von feinteiliger Haptik bis zu großflächiger Struktur alles zeigen, was Natur, Kunst oder Computergrafik zu bieten haben.

Bewusst geplant

Für das neue Besucherzentrum in Kassel wünschten Staab Architekten explizit keine vorgefertigten Matrizen. Bei ihrem Bau, der wie ein Findling im Naturraum liegt und sich zum historischen Monument ausrichtet, erinnert die Hülle mit dem Abdruck sägerauer Brettchen nur auf den ersten Blick an die ursprüngliche, authentische Betonproduktion. Es handelt sich dabei um eine präzise, eigens bis ins Detail gefertigte Schalung für das von den Architekten genau konzipierte Fassadenbild. Dieses zieht sich als fünfte und von oben zu sehende Fassade bis über das Dach und bezieht den Verlauf der Fugen wie die Neigung der ansteigenden Wandflächen längs der Dachkante ein. Die Holzbrettchen wurden rundum in verschiedenen, genau definierten Dicken und Längen in die Schalung eingepasst. So erzeugen sie als Abdruck ein Relief, das den grauen Oberflächen grafische Struktur gibt. Durch die differenzierte Anordnung der simplen Hölzer gewinnt die polygonale Figur beim Betoniervorgang ihre hohe skulpturale Qualität.

Früher wurde Stein behauen, scharriert, bossiert, sandgestrahlt oder geschliffen; das gesamtegesamte Repertoire der handwerklichen Steinmetz-Techniken ist auch mit Beton zu realisieren und verändert entsprechend seine Anmutung und Farbschattierung. Auch Staab Architekten nutzten dieses Verfahren. Durch eine zusätzliche leichte Oberflächenbearbeitung – die Hülle wurde nochmals leicht sandgestrahlt – schwächten sie die puristische Anmutung leicht ab und näherten die Wirkung des Betons dem historischen Naturstein des Herkulesbauwerks mit seiner Porigkeit an.

In Beton gegossen

Die gewünschte Gebäudehülle wurde mit einer zwanzig Zentimeter dicken Ortbetonschale, die als Vorsatzschale auf Tragschale und Dämmung folgt, realisiert. Laut Statiker mussten Staab Architekten Dehnungsfugen einplanen. Um das homogene Bild der Relieffassade zu wahren, ließen sie die Fugen entsprechend dem Verband der Brettchen verzahnt und nicht senkrecht verlaufen – einer der Gründe, bewusst auf standardisierte Matrizen zu verzichten. Eine derart ausgeprägte Oberfläche kommt auch bei Sichtbetonklasse 2 nicht ohne Referenzflächen aus. Simple, sägeraue Brettchen werden bei schräg zulaufenden Fassaden und polygonalen Flächen zu einer ganz besonderen Herausforderung. Für die exakt geplante Reliefstruktur brachte ein selbstverdichtender Beton das gewünschte Ergebnis. Mit der schlichten Brettchenschalung sammelten Architekten und Betonbauer neue Erfahrungen in der Kunst des Sichtbetons. Ihr Ergebnis lässt nichts zu wünschen übrig.

Susanne Ehrlinger