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Einmal im Leben eine Kuppel bauen
Die neue Moschee in Köln
Wenn alles nach Plan läuft, wird Kölns neue Moschee im Mai 2012 eingeweiht und die Stadt zum Standort des wohl eindrucksvollsten islamischen Bauwerkes in Deutschland. Für ihren Architekten Paul Böhm geht damit ein großer Wunsch in Erfüllung.
„Die Moschee könnte mein Neviges werden.“ Paul Böhm spielt auf einen der bedeutendsten Kirchenbauten der Moderne an, die wegweisende Betonkathedrale seines Vaters Gottfried Böhm in Neviges, die in dessen umfangreichem Oeuvre eine zentrale Rolle einnimmt. Derzeit jedoch ist die Zentralmoschee Ecke Venloer Straße / Innere Kanalstraße erst im Rohbau fertig und keine abschließende Architekturkritik möglich. Dennoch prägt die Betonplastik der 35 m hohen Moschee mit ihren zwei Minaretten - diese dann etwa 53 m hoch – bereits ihre Umgebung.
Diese Umgebung ist ein an zwei großen Verkehrsadern gelegenes, heterogenes Mischgebiet, dicht bebaut mit teils achtgeschossigen Wohnhäusern, überragt von dem 266 m hohen Kölner Fernsehturm, der alles andere als eine bauliche Schönheit ist.
In diesem Umfeld bildet die Moschee, die von vielen Bauten der Umgebung überragt wird, einen interessanten Blickfang. Das Gebäude wirkt keineswegs „brachial“, wie Kritiker im Vorfeld behaupteten, oder stellt gar, wie der Schriftsteller Ralph Giordano meinte, „eine Landnahme auf fremdem Territorium“ dar. Vielmehr verspricht das Bauwerk, dessen Kuppel mehrfach aufgebrochen ist und in ihrer Form einer leicht geöffneten Blüte gleicht, eines der besten Beispiele für eine neue „Euroislamarchitektur“ (Christian Welzbacher) zu werden.
Paul Böhm wurde 2006 zum Wettbewerb von der DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) eingeladen und erhielt den 1. Preis. Der Bau, der ihn für eine Teilnahme empfahl, war seine 2002 fertiggestellte Kirche St. Theodor in Köln-Vingst. Ihr zylindrischer Baukörper umgreift den dunklen Turm der Vorgängerkirche und wird wie die Moschee über eine geschwungene Treppe erreicht. Dieses einprägsameBauwerk nahm wohl die Muslime für Paul Böhms Überzeugung ein, dass „Orte des Gebetes, der Meditation und der Konzentration sich bei aller Unterschiedlichkeit von Religionen ähneln.“ Sein Entwurf eines taoistischen Tempels westlich von Shanghai (2010) bestätigt diese Sichtweise.
Präsenz im öffentlichen Raum
Es gibt ca. 2.600 Moscheen in Deutschland; die meisten sind einfachste, in Hinterhöfen gelegene Gebetshäuser. Weder ist die Mehrzahl an ihrer Gestalt erkennbar, noch prägt sie ihre Umgebung. Doch diese Situation gehört der Vergangenheit an. Die Muslime wollen sich nicht länger verstecken und fordern für ihre Sakralbauten im öffentlichen Raum die Anerkennung und Präsenz, wie sie für Kirchen und Synagogen selbstverständlich ist. Und so entstehen überall in Deutschland neue selbstbewusste Gebäude wie die Kölner Moschee, auf deren Gelände die Muslime früher in einer Industriehalle beteten. Eigentlich gibt es für den Bau einer Moschee kein vorgeschriebenes, formales Programm. Keine Kuppel ist zwingend, keine Minarette, nicht der Ruf des Muezzin. Nur die Ausrichtung nach Mekka, wie sie im Moscheeinneren der Mihrab, die Gebetsnische, signalisiert, ist ein Muss. Damit sind auch innovative Formen von Moscheen in einer anderen als der bisher bekannten Gestalt und Ästhetik denkbar. Das bisher beste Beispiel ist eine Moschee im oberbayrischen Penzberg des bosnischen Architekten Alen Jasarevic, die 2005 fertiggestellt wurde und ein bauliches Meisterwerk an Selbstbewusstsein und Offenheit ist. Aber die Architektur mancher neuen Moschee irritiert nicht nur Muslime, sondern führt auch in Nachbarschaft und breiter Öffentlichkeit zu Streitigkeiten darüber, ob durch die neuen Bauten „mit einer Veränderung des öffentlichen Raumes durch ein fremdes Gottesbild“ (Henner Hermanns) zu rechnen sei. In Wirklichkeit ist solche Diskussion keine bauliche, sondern eine politische Auseinandersetzung über die Frage, welchen Platz in Zukunft Muslime in der westlichen Gesellschaft einnehmen sollen.
Das Vorbild der osmanischen Kuppelmoschee
Dass Paul Böhm für seinen Wettbewerbsentwurf keinen neuen Moscheetyp entwickelte, sondern auf das Vorbild der verbreiteten osmanischen Kuppelmoschee zurückgriff, hatte mit seinem Wunsch zu tun, „einmal in meinem Leben eine Kuppel zu bauen“. Die beiden Minarette dagegen waren vom Bauherrn gefordert. Sie waren zunächst viereckig, wandelten sich aber in der Überarbeitung in die jetzige runde, in sich gedrehte Form, die sie leichter wirken lässt. Die Minarette sind ohne konkrete Funktion, aber Zeichen von hohem Wiedererkennungswert. Paul Böhms Wettbewerbsentwurf ging zunächst von einer durchgehenden Höhe der Randbebauung und der Moschee aus und war, um mit seinen Worten zu sprechen, ein „Schuhkarton mit Kuppel“. Erst spätere Korrekturen ließen den Solitär der Moschee durch eine gestreckte Kuppel in die Höhe wachsen und vergrößerten so Wirksamkeit und Eleganz. Durch die höhere Kuppel wurde auch der Eckcharakter des Grundstückes stärker betont, was zu einer besseren Wahrnehmung der Moschee von der viel befahrenen Inneren Kanalstraße führte. Überhaupt gewann durch die Überarbeitung vor allem das durchbrochene Volumen der Kuppel an geschmeidiger Prägnanz. Übrigens hat der Architekt alle Details seines Entwurfes an einem Wachsmodell „erknetet und ausprobiert“, bevor die exakten Pläne vom Computer ausgearbeitet wurden. Der als Gemeindezentrum mit Gebetssaal geplante Moscheekomplex gruppiert sich im Innenbereich um einen Platz, der von der Venloer Straße über eine breite, geschwungene Rampentreppe Worten des Architekten „aus dem Niveau der Stadterschlossen wird. Diese führt nach den hinaus auf eine Art erhöhten Marktplatz“, den die Bauten der Moschee, der Bibliothek, die Räume für die rituellen Waschungen und Schulungssowie Büroräume umgeben. Der neue Vorstand der DITIB fügte diesen Nutzungen ein Museum hinzu, das nach Auffassung Böhms „in das Ensemble gut hineinpasst.“
Auf der Erdgeschossebene führt von der Venloer Straße eine Art Passage durch den Komplex. An deren Achse waren im Wettbewerb noch einzelne Läden vorgesehen, die heute einer Einkaufspassage gewichen sind. Ein großer Vortragssaal unter der Moschee, der auch an Nichtmuslime vermietet werden soll, ist von der Venloer Straße her zugänglich, ohne dass man den Vorplatz der Moschee betreten muss. Der obere Moschee- und der untere Passagenbereich werden durch die prägnante Skulptur eines Brunnens aus dunklem Beton verbunden, der sich durch eine Öffnung in der Decke zum Himmel streckt. Der Architekt wünscht ihn sich noch ein wenig schwärzer, um so an die Kabaa in Mekka zu erinnern.
Während Einkaufs- und Konferenzebene abgeschlossen werden können, sind der Marktplatz und die ihn umstehenden Gebäude jedem zugänglich. Paul Böhm vertraut darauf, dass eine solche, vom Bauherrn mitgetragene Offenheit hilft, „das Miteinander von Muslimen und Nichtmuslimen“ zu fördern.
Der Moscheekomplex grenzt sich an den von der Venloer Straße und Inneren Kanalstraße abgewandten Seiten zu der Umgebung durch eine auf Pfeilern stehende Randbebauung ab, deren breite Abstände den Durchblick in das Innere ermöglichen. In der Überschneidung ziehen sich je nach Standort die Pfeiler optisch zu einer geschlossenen Wand zusammen und erinnern an die Monumentalität archaischer Tempelanlagen.
Sandsteinfarbener Beton
Das Material aller Bauten ist ein gut verarbeiteter, sandsteinfarbener Beton. Die beim Einbau des Betons verwendete Schalung gliedert die großen Bauflächen in liegende Rechtecke. So entsteht eine kaum sichtbare, aber dennoch wirksame Struktur. Prägend für die Oberfläche ist die Körnung des Kieses im Beton – und so auch vom Architekten gewollt: das Resultat sind leicht raue, lebendige Oberflächen, auf deren kleinen Steinen sich das Licht spiegelt.
Das Zentrum des Baukomplexes ist naturgemäß die Moschee. Sie überragt als wichtigstes Gebäude das Ensemble. Zurzeit werden die Öffnungen zwischen den schalenartigen Wandscheiben der Kuppel mit Glas geschlossen.
Noch ist nicht entschieden, ob dieses Glas bedruckt oder künstlerisch bearbeitet werden soll. Über den Innenraum und seine Gestaltung gibt es noch verschiedene Meinungen zwischen Architekt und Bauherrin, die aber, so wünscht man sich, im Sinne des äußerst eindrucksvollen Ensembles hoffentlich gelöst werden können.
Ingeborg Flagge ist Architekturkritikerin und -publizistin und lebt in Bonn.