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Beton in allen Farben
Leuchtend rot: „Casa das Histórias Paula Rego“ in Portugal
„Habe von ultramarinem Sichtbeton geträumt. Kann mir Chipperfield damit eine Villa bauen?“ Die fiktive Frage von Madonna ist Gott sei Dank kein Wunschtraum. Doch immer mehr Bauten aus Beton erwecken Begehrlichkeiten, vom dezenten Grau Abstand zu nehmen und sich ins weite Feld farbiger Entwürfe vorzuwagen.
Bauteile aus buntem Beton sind heute gängige Bestandteile der industriellen Produktpalette. Mit Pigmenten, Flüssigfarben, farbigen Sanden oder bunten Steinen wird inzwischen grauer Beton auch in großen Chargen optisch variiert. „Weiß und Schwarz sind keine Farben, sondern ein Zustand“, startet Autorin Tanja Pabelick in einem Online-Magazin den Beitrag „Ausweitung der Grauzone“. Bekanntermaßen drücken viele Architekten auf diese Weise ihre Haltung nicht nur bei der Kleidung aus. Doch während Designer nun bei der Ausstattung einer Werbeagentur zum dezenten Ganz-in-Grau fanden, scheint bei Architekten ein Sinneswandel einzukehren. Der Mut zur Farbe bringt offensichtlich neue sinnliche Erfahrungen.
Beton kann mehr als Grau
Mit seiner „Casa das Histórias Paula Rego“ hat Eduardo Souto de Moura in Portugal ein eindrucksvolles Museum geschaffen. Die pyramidenartigen
Aufbauten und massiven Sockel sind keinem mit rotem Sand gefüllten Förmchen entsprungen. Sie zeigen durchgefärbten Sichtbeton, der zusammen mit den Baukörpern eine archaische Wucht entfaltet, ganz so, also habe das Museum
immer schon an dieser Stelle in der Sonne gestanden. Auch die Schweizer, Spezialisten in Sachen Beton, arbeiten neuerdings mit Farbe. Das Ateliertheater des Architekten Valerio Olgiati für den Liedermacher Linard Bardill im Dorf Scharans ersetzt nicht nur einen alten Holzstall in gleicher Kubatur. Das erdfarbene Betonhaus ohne Dach und Fenster wirkt durch die rötliche Farbe.
Schon 2006 hatte das Büro Lederer+Ragnarsdóttir+Oei mit dem Theater Darmstadt einen weißen Betonbau vorgelegt, der darauf hinwies, dass Beton nicht nur bei Dach- und Pflastersteinen mehr kann als Grau. Und auf dem St.-Mang-Platz in Kempten steht eine schwarze Betonwand, deren Farbintensität das Herz höher schlagen lässt. Als Teil eines Zugangs zu einer Grabkapelle ragt sie wie die Kante eines überdimensionalen schwarzen Diamanten in den Himmel.
Rot, Schwarz und Weiß dominieren, was vielleicht an unbewussten Vorstellungen liegt. Schon die Königin wünschte sich ein Kind, das so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarz wie Ebenholz sein möge. Jüngere Traditionen rufen das Thema Farbe und Beton direkt auf den Plan.
So zeigt die Wallfahrtskirche von Le Corbusier in Ronchamp einen Dachaufbau, der je nach Standpunkt wie ein Schiffsrumpf oder wie ein maronenfarbenes Pfaffenhütchen in Erinnerung bleibt.
Punktgenau realisierte Farbschattierungen
Dank weit gereifter Betontechnologie lassen sich heute die gewünschten Farbschattierungen punktgenau realisieren. Wer im Betonlabor von Ute Bayer in Blaubeuren bei einem der Architektenworkshops mitmischen darf, kann dort experimentell Referenzflächen gießen. Pigmente wie Eisenoxide erzeugen rote, gelbe sowie anthrazit bis schwarz durchgefärbte Farbnuancen. Chromoxid
wird für grüne, Kobaltblau für blaue Fassaden verwendet. Mischungen ergeben seltene Zwischentöne. Sehr helle bis weiße Fassadenansichten erhalten durch Weißzementsorten unter Zugabe von Titandioxid Brillanz. Ruß als Pigment verstärkt sattes Tiefschwarz, neigt unter Lichteinstrahlung allerdings zum Verblassen. Bezogen auf den Zementanteil liegt der Pigmentanteil im Beton etwa bei maximal fünf Prozent. Letztendlich macht der Preis die Farbwahl oft leichter. Während ein Kilogramm Eisenoxid drei bis vier Euro kostet, liegt Chromoxid beim über Sechsfachen. Bei teurem Kobaltblau ist manchmal der jeweilige Tagespreis entscheidend. Für Madonna wäre das vermutlich nicht so relevant.
Susanne Ehrlinger ist Fachjournalistin für Architektur und Bauwirtschaft und lebt in Berlin.