Foto: Anne Gabriel-Jürgens


Essay

Wohnen mit Kindern: Auf der Suche nach mehr Leben

von Iris Radisch

Es ist eine alte Klage: Unsere Städte sind bald kinderfrei. In Paris, in New York, in Peking kann man die kinderfreie Innenstadt schon besichtigen.
In Berlin, in Hamburg und in München gibt es noch immer besondere Bezirke mit hoher Kinderwagendichte, doch aus dem Weichbild der City sind Kinder auch hier nahezu verschwunden. Eher sieht man in der Innenstadt noch ein Kamel um sein Winterfutter bitten als eine Horde Kleinkinder beispielsweise Springseil springen.

Das hat viele Gründe: zum einen brauchen Kleinkinder das, was die City in Hülle und Fülle bietet – Gucci-Handtaschen, Mobiltelefone, Luxusfrisöre, um nur einiges Entbehrliche zu nennen – noch nicht. Zum anderen stellen sie ein ernst zu nehmendes Sicherheitsrisiko für die dort verkehrenden Geländewagen dar. Der wichtigste Grund aber ist der, dass ihre Eltern sich heute die Mieten in einer deutschen Großstadt kaum leisten können.

Emigration in die Speckgürtel
Ein Skandal, über den die Familien, auch die so genannten besserverdienenden, schweigen, als handele es sich um eine peinliche Erkrankung. Statt aufzubegehren gegen einen innerstädtischen Mietspiegel, der einer vier- oder fünfköpfigen Familie inzwischen 1500 bis 2000 Euro im Monat abverlangt, rücken die Familien eng zusammen und verstauen ihre Kinder klaglos in der Speisekammer hinter der Küche, um das angesagte städtische Lebensmodell und die angesagten Oberschulen, auf die sie ihre Kinder unbedingt schicken wollen,  nicht zu verlieren. Oder sie resignieren still und heimlich und lassen sich die erzwungene Emigration in die Speckgürtel der Großstadt, in die gesichtslosen Reihenhausbrachen mit der Pendlerpauschale versüßen. In den Innenstädten werden die kinderlosen Marktteilnehmer, die Doppelt- und Dreifachverdiener, die Rentner und Geländewagenhalter bald ganz unter sich sein.

Uns ist es nicht anders ergangen als den meisten kinderreichen Familien. Mit jedem weiteren Kind sind wir ein paar Kilometer weiter an die Peripherie gezogen, auf der Suche nach mehr Platz, mehr Auslauf, nach bezahlbareren Mieten. Doch spätestens nach dem dritten Kind wird selbst eine Vorstadtexistenz für den gehobenen Mittelstand zu einem Problem. Wo ein bezahlbares 5-Zimmer-Häuschen hernehmen? Eine geräumige Wohnung mit ein bisschen Grün vor den Fenstern? Wie viele andere Familien vor uns sind wir schließlich auch aufs Land gezogen, um dieses Problem zu lösen. Seither nehmen wir lange Fahrzeiten zur Arbeit, schlechtere Schulen und viele andere Unbequemlichkeiten in Kauf, nur um Platz zu gewinnen und Mietzins einzusparen, der sich an anderer Stelle im Familienleben viel sinnvoller investieren lässt. Zum Beispiel in mehr Zeit für die Kinder durch Arbeitsreduktion oder auch in Reit-, Sport-, Tanz- und Musikstunden für die Kleinen, um all jene Mängel auszugleichen, die eine auf viel zu große Einseitigkeit und viel zu frühen Konkurrenzkampf getrimmte Schulpolitik bei den Kindern hinterlässt.
Eine Wohnungspolitik, die nachhaltig an der Zukunft der Städte interessiert ist, muss sich um die Belange der kinderreichen Familien in anderer Weise kümmern als bisher. Ein Mietzuschuss für jedes Kind wäre vielleicht noch angebrachter als das viel gerühmte Elterngeld. Durchdachte Maßnahmen gegen eine gierige und maßlose Mietenentwicklung in den Ballungszentren wären ein erster Schritt. Auch die Förderung und Unterstützung gemeinschaftlicher Wohnprojekte, die darauf bedacht sind, die Isolation der Kleinfamilie (Millionen Mütter stehen mittags um eins alleine vor dem Herd und kochen) zu mildern und neue sinnvolle gemeinsame Lebensformen zu entwerfen, trüge zu einer echten Belebung der Städte bei. Oder soll sich das letzte bisschen innerstädtisches Leben wirklich nur noch in den Einkaufsstraßen abspielen?

Kindliche Bedürfnisse und architektonischer Lebensraum
Eine weitere Familienfeindlichkeit, wenn auch keine, die sich genauso umstandslos aus der Gewinngier des Immobilienmarktes ableiten ließe, ist die Hässlichkeit und Benutzerfeindlichkeit der in der Regel vom Zeitgeist bevorzugten menschlichen Behausungen. Es ist oft darauf hingewiesen worden und noch immer wahr: Das meiste, womit wir uns freiwillig und weil es uns offenbar gefällt, umgeben, ist das pure Gegenteil eines dem familiären Alltag und den kindlichen Bedürfnissen zuträglichen architektonischen Lebensraumes. Das hat vor allem mit den Sterilitäts- und Rechtwinkligkeits-Idealen zu tun, die noch immer den Hauptteil unserer architektonischen Bemühungen prägen. Sauber, übersichtlich, ordentlich, leicht zu reinigen und dezent nekrophil ist das meiste, was uns die noch immer von Bauhaus und Glas-Beton-Moderne geprägte moderne Alltagsarchitektur zu bieten hat. In mehr oder weniger fantasielosen Würfeln, auf leicht zu reinigenden Böden, in fade eingerichteten Innenräumen, die alle gleich aussehen und in ihrer sterilen Anonymität genauso gut das Wartezimmer eines Arztes sein könnten, verbringen wir unser kostbares bisschen privates Leben. Um diesen Mangel zu beheben, den Eltern durchaus empfinden, weil sie die Bedürfnisse ihrer Kinder nach Versteck, Abenteuer und Labyrinth kennen, werden allerhand falsche Gegenmaßnahmen ergriffen. Man schafft in den sterilen Räumen „Kreativbereiche“, hängt Eimerchen und Taschen mit „Kreativmaterialien“ schön ordentlich an bunte Haken, schützt im „Kreativbereich“ den ohnehin abwaschbaren Boden mit einer wasserdichten Abdeckplane, hält an speziellen Wandhalterungen eine Zeichenpapierrolle bereit, hält auf dem Tisch kippsichere Wasserbehälter vorrätig und hängt die nach solcherart Sicherheits- vorkehrungen überraschenderweise doch noch entstandenen Kreativprodukte mit hübschen Schleifchen an die Wand. Entsprechende Kreativmaßnahmen, um die darbende Sinnlichkeit der erwachsenen Bewohner dieser nekrophilen Saubermannshäuser wieder zum Leben zu erwecken, hält das Warensortiment aus dem Haus Beate Uhse bereit.

Es sei nicht verschwiegen, dass es neben diesem  rein nutzenorientierten Trend, der wesentliche menschliche Urbedürfnisse wie Geborgenheit, sinnlichen Erfahrungshunger und Rückzugsbedürfnis vernachlässigt, auch eine Renaissance der naturnahen Formgebung gibt. Neben dem rechten Winkel gibt es auch wieder die Rundung und den Bogen. Erst ein freies, vielleicht auch postmodernes Patchwork aus einer vorrangig nach dem Rationalitätskalkül ausgerichteten, vom Bauhaus geprägten Bauweise und dem neuen Freestyle, der sich vom Hütten- bis zum Villenbau alles Erhaltenswerte zusammensucht und neu kombiniert, kann langfristig vielfältigen Bedürfnissen gerecht werden. Niemandem ist damit gedient, wenn unsere gesamte Lebenswelt zum Arztwartezimmer geworden ist. Denn am Ende werden wir darin wirklich alle zu kranken Leuten.