Gespräch
Stefan Forster über Familie, Wohnen, Gemeinschaft und Nachbarschaft
Der Sehnsucht der Menschen nach dem romantischen Dorf kann man auch in der Stadt nachkommen
Der Name Stefan Forster steht für neuen Wohnungsbau: Mit dem Umbau
von Plattensiedlungen in Gartenstädte hatte er sich einen Namen gemacht – heute gestaltet er in vielen Städten Deutschlands das familiäre Wohnen.
Wir wollten erfahren, was er über Familie, Wohnen, Gemeinschaft und Nachbarschaft denkt – und besuchten ihn zum Interview in Frankfurt.
Herr Forster, die Idee der „Familie“ ist auch immer mit der des Zusammenlebens, des Wohnens verbunden. In welcher Wohnform sind Sie groß geworden?
Ich bin in einem kleinen Dorf in der Pfalz aufgewachsen, in einer klassischen Nachkriegsfamilie: Die Eltern, vier Kinder, ein 50er-Jahre-Ein-familienhaus. Später kam ein VW-Käfer dazu, für den eine Garage angebaut wurde. Als die Familie größer wurde, kam ein zweiter Wagen dazu, es wurde eine zweite Garage gebaut und darauf ein größeres Wohnzimmer. Heute haben wir die klassische Situation: Der Vater ist gestorben, die Kinder haben nach und nach das Dorf verlassen und das große Haus wird nur noch von der Mutter bewohnt. Mein Vater hatte die Idee, dass alle Kinder ein Haus haben sollten, und so kaufte er nach und nach jedem von uns eines in der Umgebung. Diese sind nun heute fast wertlos, weil sie in einem Schrumpfungsgebiet liegen. Sie sehen: das Einfamilienhaus ist perspektivisch gesehen eigentlich das falsche Modell.
Dennoch gilt in der breiten Bevölkerung das Einfamilienhaus immer noch als das Ideal familiären Wohnens. Was denken Sie: Wie kann man Ideal und Realität sinnvoll zusammenbringen?
Schauen sie sich das Dorf an, in dem ich aufgewachsen bin. Die Fläche des Dorfes hat sich heute verdoppelt, während die Einwohnerzahl konstant geblieben ist. Im Dorfkern gibt es bereits Leerstand. Das ist das Resultat dieser Einfamilienhaus-Manie der Nachkriegsgeneration. Als Planer und Architekten haben wir die Pflicht, hier gegenzusteuern und Gegenmodelle zu entwickeln.
Dem Urbedürfnis der Menschen nach Gemeinschaft und Beziehungen, der Sehnsucht nach dem romantischen Dorf, kann man auch in der Stadt nachkommen. Beispielsweise in Genossenschafts- und Wohngruppen. Unser Thema ist der städtische Block. Der Block als Gemeinschaftselement funktioniert als kleines Dorf mit abgeschlossenem Wohnen und halböffentlichem Zwischenraum, der nur den Bewohnern des Gebäudes zugänglich ist. So entsteht Gemeinschaftsgefühl und Nachbarschaft.
Ist das Funktionieren von Gemeinschaft und Nachbarschaft nicht auch abhängig von den Bewohnern?
Dies ist zuallererst eine architektonische Frage. Der Blockinnenraum muss so gestaltet und eindeutig definiert werden, dass er von den Bewohnern des Blockes als ihr Raum angenommen wird.
Wir haben zum Beispiel einen Block mit 160 Wohnungen gebaut, Sozialwohnungen gemischt mit frei finanzierten Wohnungen. Das alles funktioniert sehr gut, weil die Beziehungen der Wohnungen zum Block- innenraum funktionieren: Wir haben hier grundsätzlich zwei Balkone, einen zur Straße und einen zum Hof hin, so dass stets das Beobachten der spielenden Kinder im Hof von der Küche aus möglich ist.
Im Grunde ein sehr traditionelles, romantisches Modell. Der Hof ist für Nichtbewohner des Blockes nicht zugänglich, hierdurch erfüllt sich das Sicherheitsbedürfnis der Bewohner. Städtische Blöcke sind für mich in gewisser Weise Ersatzmodelle zum Dorf.
Sie haben in Berlin studiert, wo soziologische Themen immer schon sehr zentral diskutiert wurden. Die entscheidende Weichenstellung zum Wohnungsbau?
Natürlich ist die Soziologie wesentlich für die Architektur. Das spiegelt sich auch in der Arbeit unseres Büros wider: Wir wollten immer schon Lebenswelten kreieren, gute Alltagsgeschichten, gute Alltagsarchitektur machen. 90 Prozent von dem, was uns umgibt, sind Alltagsgeschichten, die relativ schlecht gemacht sind, die vernachlässigt werden, die uns aber dennoch alle prägen und Einfluss auf unsere Stimmungen haben.
Der Wohnungsbau ist ein Alltagsthema: Sie spüren das direkt oder indirekt, wenn Sie über die Straße gehen: Alles, was da passiert, hat einen Einfluss auf uns, es beschäftigt uns, es wirkt auf uns, wir fühlen uns wohl oder eben auch nicht. Eine wesentliche Erkenntnis aus unseren Plattenbauumbauten war die zu beobachtende positive Veränderung der Bewohner. Die ursprüngliche latent aggressive, depressive Stimmung hat sich in eine freundliche, gelassene gewandelt.
Beim Umbau der Betonplattenbauten sind nicht nur soziologische, sondern auch ökologische Aspekte relevant gewesen.
Im Beton der Plattenbauten steckt eine Menge Energie. Der Abriss der Gebäude und die Umwandlung der Betonplatten in Schotter wäre mit einem weiteren Energieaufwand verbunden gewesen und hätte gleichzeitig Energie vernichtet. Plattenbauten sind viel günstiger zu modernisieren als normale Altbauten. Betonplatten sind nun mal resistenter als Gründerzeit- gebäude mit Holzdecken und Dächern.
Die meisten Wohnungen in Deutschland entstehen im Ein- und Zweifamilienhausbau. Nur bei 5 bis 10 Prozent der Häuser sind freie Architekten direkt beteiligt. Wie wirkt sich das Ihrer Meinung nach auf unser Stadtbild aus?
Die Frage ist, wie entstehen heute eigentlich Neubaugebiete? Geht man dem nach, so stellt man fest, dass die Städte und Kommunen jegliche Regulative und Gestaltungsmöglichkeiten aus der Hand gegeben haben. Bebauungspläne legen oft lediglich die Art der Bebauung fest, die Höhen usw. Sie machen aber oft keine Vorgaben zum Beispiel für Zonierungen vom öffentlichen zum privaten Raum oder die Gestaltung der Häuser. Das führt dazu, dass die Bauträger überall das Gleiche bauen – ob in Hamburg, Berlin oder Frankfurt.
Ich plädiere für mehr Stadtplanung, für mehr Gestaltungsvorgaben, für mehr Bewusstsein für den öffentlichen Raum. In Vorträgen frage ich die Menschen oft, wo sie wohnen wollen. Ich zeige ihnen Bilder von Neubaugebieten und von Gebäuden aus der Gründerzeit. Ich brauche ja nur die Eingänge zu fotografieren oder die Vorgärten. Alle würden natürlich am liebsten in Gründerzeitgebäuden leben. An der aktuellen Architektur zeigt sich der kulturelle Verlust in unserer Gesellschaft.
Interessant ist die Frage, was man aus der Situation macht.
Wir müssen am Thema Lebensraum arbeiten, an der Qualität der Stadt, der europäischen Stadt. Wir müssen wieder damit beginnen, uns mit den Menschen und deren Bedürfnissen zu beschäftigen. Es gilt die Aufgabe zu bewältigen, eine Architektursprache finden, die gegen den kulturellen Verlust resistent ist.
Andererseits muss aber auch der Architekt wieder in seiner Position als Fachmann anerkannt werden. Derzeit ist es so, wie wenn man krank ist und zum Arzt geht, der diagnostiziert eine schwere Krankheit und verschreibt ein Medikament – und der Patient antwortet: nein, ich nehme ein Bonbon.
Wir hatten eingangs festgestellt, dass es große soziale Veränderungen in unserer Gesellschaft gibt, andere Familienstrukturen als wir sie vor 50 Jahren hatten. Was heißt das für die Stadtplanung?
Soziale Veränderung heißt in diesem Fall, dass es den Verbund der Großfamilie nicht mehr gibt. Die Familien heute verfügen über keine großen verwandtschaftsbedingten Sozialkontakte in ihrem direkten Umfeld mehr. Entsprechend sind sie sehr viel mehr als früher auf den Lebensraum außerhalb der Wohnung angewiesen, also auf Nachbarschaften. Gleichzeitig aber bieten wir in den Städten keine richtigen Lebensqualitäten mehr, weil in der Vergangenheit der Verkehr im Vordergrund der Planung stand, nicht aber der Lebensraum vor dem Haus und um das Haus herum. Wir benötigen aber gerade heute viel mehr Freiraum: größere Balkone, größere Terrassen, mehr Raum um die Gebäude herum: Räume, über die Nachbarschaft entstehen kann.
Müssen wir bezüglich des Fehlens dieser Wohnumfelder schon von Bausünden sprechen, die wir in den nächsten 20 Jahren wieder mühsam nachbessern und umbauen müssen?
Ja, sicherlich. Schauen wir uns den Lebensraum Straße an: In den Neubaugebieten finden wir links und rechts der Straßen nur noch Blech – der eigentliche Lebensraum ist ausschließlich dem Auto vorbehalten. Das ist sehr schön am Begriff des Straßenfußballers festzumachen. Es wird der Verlust der echten Straßenfußballer beklagt. Diesen gibt es auch deswegen nicht mehr, weil man auf der Straße nicht mehr spielen kann.
Die Straße muss wieder Lebens- und Kommunikationsraum für die Menschen werden. Erst dann haben wir wieder eine Qualität: wenn Straße, Fahrradweg und Fußgängerweg in ein neues Verhältnis zueinander gebracht werden, wo der Mensch wieder im Mittelpunkt steht und nicht das Auto. Der Vorrang des Autos erzeugt meiner Meinung nach eine gewisse Grundaggressivität bei den Menschen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang ja auch die Frage, warum alljährlich in den Ferien Millionen von Menschen unser Land verlassen und sich in anderen Ländern in den Städten auf die Plätze setzen und das einfach toll finden. Keiner dieser Menschen käme auf die Idee, dies beispielsweise im Zentrum von Oberhausen zu tun. Das ist ein großes Manko unserer Städte.
Kommen wir auf das „Bauen an sich“ zu sprechen. Welche baukonstruktiven Aspekte sind in der Zukunft für den Wohnungsbau relevant?
Auch das beginnt wieder mit dem Thema Lebensraum: Mit welchen Materialien gestalten wir die Gebäude, in denen viele Menschen leben werden? Klinker beispielsweise hat etwas Haptisches und Warmes. Gleichzeitig bietet er Dauerhaftigkeit und wunderbare Alterungsfähigkeit. Um solche Eigenschaften geht es uns beim Material. Das Grundgerüst der Gebäude besteht stets aus Beton. Das ist nachhaltig. Andere Materialien wie z.B. Holz sind zu anfällig.
Ein anderer Aspekt ist der der Energie. Erstes Ziel im Wohnungsbau muss heute sein, die Mietnebenkosten auf ein Minimum zu reduzieren. Nur so wird es breiten Bevölkerungsschichten ermöglicht, in Zukunft in der Stadt zu leben. Unsere Passivhausprojekte erfreuen sich einer sehr großen Nachfrage, so hatten wir gerade für ein Projekt mit 60 Wohnungen 600 Mietanfragen. Die Wohnungen, die hier zum Verkauf standen, waren binnen einer Woche verkauft.
Was halten Sie von Sichtbeton im Wohnungsbau?
Sichtbeton im sozialen Wohnungsbau kann ich mir höchstens angestrichen vorstellen. Anders ist es natürlich beim Architektenhaus für den individuellen Bauherren.
Gerade im Designbereich ist Sichtbeton auch im Wohnungsbau modern geworden. Und auch im Passivhausbau findet er Anwendung.
Das ist richtig. Dennoch haben Sie das Problem der Qualität des Sichtbetons und dem damit verbundenen Aufwand diesen herzustellen. Im Massenwohnungsbau ist das schwierig zu verwirklichen. Dazu kommen Akzep- tanzprobleme bei den Nutzern.
Ist das eine Frage des Geschmacks, den man dem anonymen Nutzer einfach unterstellt?
Architekten haben die elitäre Angewohnheit, den Nutzern Geschmack abzusprechen. Ich halte dies für eine völlig falsche Einstellung. Architekten sind oft Menschen, die in ihrer ganz eigenen Welt leben. Hierbei handelt es sich praktisch um die Verabschiedung aus dem normalen Leben.
Könnte man den Architekten sagen: „Sorgt dafür, dass ihr wieder mehr Wohnungen bauen dürft“? Nicht zuletzt ist Wohnungsbau ja ein großes Marktsegment.
Das ist eines meiner großen Themen: Die Architektenschaft muss wieder das Vertrauen der Menschen gewinnen. Ich beschreibe das auch mit dem Begriff der Versöhnung: Die Architekten müssen sich wieder mit den Menschen und deren normalen Bedürfnissen versöhnen.
Ich habe etwas gegen diese Egoarchitekten. Im Wohnungsbau heißt Bauen, „normale, anonyme Architektur“ zu schaffen, die sich in den städtischen Kontext einfügt und die bestehende Typologie aufnimmt und weiterentwickelt.
Viele unserer Wohnungsbauten sind in der Nachkriegszeit entstanden – unter entsprechenden budgetären und ästhetischen Vorstellungen. Wie müssen wir damit umgehen?
Die 60er und 70er Jahre sind ein wichtiges Thema. Wir haben gerade für einen großen Bauträger zwei Projekte in Bearbeitung, bei denen es darum geht herauszufinden, welche Potentiale in den Gebäuden stecken, ob sie erhalten bleiben sollen oder abgerissen werden müssen. Dieses Thema hat bundesweit ein Riesenpotential, und wir müssen die Gebäude aus der Wiederaufbauzeit dringend anpacken. Dabei dürfen wir natürlich nicht die Fehler aus der Zeit der Wiedervereinigung wiederholen: Erst die Gebäude sanieren – und dann feststellen, dass wir sie in dieser Form nicht mehr benötigen. Städtebaulich müssen diese Siedlungen an unser Leitbild der europäischen Stadt angeglichen werden. Dies bedeutet in der Regel Nachverdichtung und eindeutige Definition des öffentlichen und privaten Raumes.
Abschließend ganz pragmatisch gefragt: Was braucht heute eine Familie mit zwei Kindern zum Wohnen?
Im Idealfall einen Garten nach vorne und nach hinten raus. Damit die Kinder spielen können, damit jeder den Raum hat, den er braucht. Auf der Etage bedeutet das für uns möglichst tiefe Loggien und Balkone zu beiden Seiten der Wohnung. Ansonsten gibt es im Grunde keine Veränderungen gegenüber früher. Das können Sie am Beispiel Küche ablesen. Früher gab es die Gemeinschaftsküche, dann die Miniküche, dann wurde die Küche wieder größer, und jetzt haben wir den Mittelweg: Man muss dort das Essen bereiten und auch zu zweit oder dritt essen können.
Alles andere, diese Lofts und offenen Küchen, dieses Mikrowellen- und Kochgefasel, irgendwann hat man das alles über.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Linktipps:
Stefan Forster Architekten im Internet
Objektbericht Stadtvillen in Leinfelde