Familie

Foto: Anne Gabriel-Jürgens


Editorial

Familie und Wohnen

von Torsten Förster

Wissen Sie, was eine „Betonfamilie“ ist? Laut Norm handelt es sich um „eine Gruppe von Betonen, für die ein verlässlicher Zusammenhang zwischen maßgebenden Eigenschaften festgelegt und dokumentiert ist.“ Die Betone einer Familie sollen Zement der gleichen Art und Festigkeitsklasse eines Herstellerwerkes sowie Gesteinskörnung gleichen geologischen Ursprungs und gleicher Art umfassen. Mit Kenntnis der Zusammensetzung und Eigenschaften der Betone einer Familie werden Vorhersagen für die Eigenschaften von Betonen vergleichbarer Zusammensetzung getroffen, ohne dass diese selbst geprüft werden müssen. Bei einer Familie weiß man also, woran man ist. Es gibt ein paar Ähnlichkeiten und irgendwie, bei allem Streben nach Individualität, ticken alle gleich. „Irgendwann werden wir alle wie unsere Eltern“ – auch das haben Sie schon gehört oder über sich, sicher aber sinngemäß über andere gedacht.

Beim Beton ist Zement das bindende Element. Was aber bindet die Mitglieder einer Familie aneinander? „Blut ist dicker als Wasser“, sagten schon unsere Großeltern. Mit genetischen Übereinstimmungen ist es aber vermutlich noch nicht getan. Auch Zement braucht Wasser für die chemischen Reaktionen, die letztlich zu festem Beton führen. Unsere zwischenmenschlichen Bindungen entstehen vor allem aus dem Zusammenleben. Die Wohnung, das Haus sind die gebauten Hüllen dafür. „Zusammenwohnen“ – in der Kindheit, mit dem Partner, in Gemeinschaft oder im Altersheim – ist der intimste und intensivste Rahmen für feste Bindungen. Nicht nur für die des engeren Familienverbundes: Aus manchem gemeinsam bewohnten Zimmer des Internats oder der Studenten-WG sind jahrzehntelange Beziehungen entstanden. Diese sozialen Bande werden immer wichtiger. „Netzwerke“ ersetzen einiges von dem, was sich früher in Großfamilien abgespielt hat. Aber – immer bringen wir ein, was wir Zuhause gelernt haben: in der Kindheit gemeinsam mit Eltern, Großeltern, Geschwistern, Spielkameraden, guten Freunden oder Nachbarn. Und nicht ohne Grund erinnern wir uns ein Leben lang an die Wohnungen, in denen wir Zuhause waren.
 
Wie müssen Häuser und Städte geplant werden, um auch in Zukunft lebenswert zu sein? Spielt das „Zusammenwohnen“ die ihm gebührende Rolle in den aktuellen Diskussionen dazu? Den unterschiedlichen Facetten dieser Fragen möchte dieses Heft nachgehen. Zu Wort kommen Architekten, Ingenieure, Soziologen und Kritiker. Das hier gezeichnete Bild ist düster: Bauen für Familien wird nicht genügend unterstützt; es wird zu wenig neu gebaut, und oft auch an Bedürfnissen vorbei. Wohnen in den Innenstädten ist schwierig und vor allem zu teuer; Normen und Regeln engen soweit ein, dass es zum Bauen oft gar nicht kommt. Überhaupt ist Wohnungsbau als Planungsaufgabe unterrepräsentiert.
 
In dieser Situation sind breite Diskussionen gefragt, um die Rahmenbedingungen zu ändern, aber auch um vorgefertigte Meinungen neu zu denken. Noch immer regen positive Beispiele von gelungenen Projekten und Prozessen die nötige Kreativität dazu am besten an. Auch diese finden Sie natürlich in diesem Heft.