Patina
50 Jahre Halen: Eine Reliquie des Wohnsiedlungsbaus
Halen ist immer noch Vorbild für das Wohnen in Gemeinschaft.
Das Architekturbüro Atelier 5 stellte sich in den 1950er Jahren gegen den Trend der baulichen Entwicklung in den städtischen Peripherien. Als Alternative zum Einfamilienhaus entwarf das Büro die Siedlung Halen – und gab damit auch Antwort auf den allgemeinen Wunsch nach kollektiven Wohnformen. Die Siedlung in Herrenschwanden bei Bern gilt bis heute als Vorbild für gemeinschaftliches Familienwohnen – und für die Gestaltung eines Lebensraumes mit Beton. Wir haben nachgeschaut, was aus Halen geworden ist. Halen ist immer noch Vorbild für das Wohnen in Gemeinschaft
1956 bewilligte der Gemeinderat von Kirchlindach den Bau der Siedlung Halen in einer Waldlichtung. Spötter sagten damals, dass man die Siedlung im Wald versteckt wenigstens nicht sehen könne – so wenig angetan waren sie von der Architektur, die in ihrer Vorstellung einem „Betontrog“ glich. Auch heute noch gehen die Meinungen über Halen auseinander: Als ich im Frühling mit einer Architektin aus dem Iran die Siedlung besuchte, kommentierte sie: „Aber hier wohnen wahrscheinlich ganz arme Schweizer...“ Und Freunde aus Südamerika, denen wir stolz zeigten, in welch auserlesener Architektur wir wohnten – in einer neueren Siedlung desselben Büros vis-à-vis von Halen – teilten diese Meinung. Wie auch immer man zu Halen steht ?– fest steht: Die Siedlung besitzt nach einem halben Jahrhundert nicht nur Patina. Vielmehr umgibt das Gelände inzwischen eine besondere Atmosphäre. Diese spiegelt sich auch in den Preisen dieser Häuser wider, die sich seit 1960 fast verzehnfacht haben.
Für Atelier 5 sollten die Bauten „praktisch und nicht unbedingt schön“ sein. Sie interessierte die Anwendung eines Konzeptes von Urbanität, das Quartier und eine adäquate Stimmung. Mit ihren Siedlungen wollten sie stets kollektive Außenräume schaffen und Häuser als Teil eines ganzen Milieus verstehen.
Die erste Halen-Generation
Weil die Siedlung Halen in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts so avantgardistisch aussah, entwickelte sie sich in Fachkreisen schnell zum Paradebeispiel des Wohnsiedlungsbaus und neuer Wohnkultur und wurde schon bald nach ihrer Entstehung von Architekturtouristen aller Herren Länder besucht. Lokal besaß die Siedlung keinen so guten Ruf. Interessenten wurde abgeraten, dort Häuser zu kaufen, Einheimische besuchten die Siedlung mit voyeuristischer Neugier, und die Bauern der Umgebung beschimpften die Siedlung als „Hühnerstall“. Verständlich, denn die Typologie der Architektur war noch fremd, Halen drückte die Funktion „Wohnen“ auf damals buchstäblich zu ungewohnte Art aus.
Nach Auskünften der ersten Kindergeneration in Halen hat ein beträchtlicher Teil der Familien dort ein Haus gekauft, weil es billig war, genug Raum für eine kinderreiche Familie bot oder einfach, weil nichts anderes vorhanden war. Begeistert von der Architektur war nur ein kleiner Teil der Halenbewohner. Diese aber waren die Seele der Siedlung. Sie stellten selbstbewusst einen Lebensstil zur Schau, der die Sehnsucht nach Freiheit dieser Generation ausstrahlte und von den anderen nicht ohne Neid beobachtet wurde. Jedoch waren am Anfang des Siedlungslebens sogar diese Bewohner ratlos, mussten sie sich doch mit einem sozialen und räumlichen Konzept auseinandersetzen, das auch ihnen fremd war. Sie fingen spontan an, sich zu treffen, um die anstehenden Schwierigkeiten zu besprechen. Diese Orientierungslosigkeit kann durch die Tatsache erklärt werden, dass die sozialen Ziele im architektonischen Entwurf nicht klar und deutlich genug artikuliert worden waren und erst mit Leben erfüllt werden mussten.
Halen in den 60er Jahren: eine soziale Studie
Als zweifache Mutter und Architektin beschäftigte mich das Verhältnis von Wohnen und Familie bereits lange. Wir selbst wohnten in einer Siedlung von Atelier 5. Die Kinder konnten sich dort sicher bewegen und ich konnte auch anderes tun als nur auf sie aufzupassen. Später begann ich an der Universität Bern Sozialanthropologie zu studieren. Anfang 2000 sollte ich eine Forschungsarbeit als Abschluss des Studiums vorlegen. Da eine Fernreise nicht zur Debatte stand, beschloss ich „meine Eingeborenen“ nicht in Borneo oder der Mongolei aufzusuchen, sondern in Bern. So lag die Lösung auf der Hand: eine Studie über die sagenumwobene Siedlung Halen. Ziel dieser Studie war es, zu erforschen, welche Relevanz Organisation und Gestaltung des Raums für die Lebenswelten von Menschen erlangen, die über längere Zeit eine gemeinschaftliche Erfahrung in einem bestimmten städtebaulich und architektonisch konzipierten Raum gemacht haben. Deswegen habe ich die Studie auf die erste Generation von Kindern, die in Halen aufgewachsen sind, fokussiert.
Als Halen geplant wurde, wehte der Zeitgeist der 60er Jahre mit seinen Bestrebungen nach mehr Freiheit und Gleichheit. Nach dem Krieg setzte in Europa langsam wieder Wohlstand ein. Die Architekten des Büros Ateliers 5 waren Teil einer schweizerischen Intelligenz, die sich sozialkritische Fragen zu ihrer Gegenwart stellte. Bezüglich Halen schreiben sie 1957, dass „eine bestimmte Gesinnung“ eine notwendige Voraussetzung sei, um in der Siedlung wohnen zu wollen. Diese Aussage wird durch meine Datenerhebung nicht bestätigt. Im Gegenteil: Eine klare Mehrheit der Bewohner war politisch in der Mitte bis rechts positioniert. Wegen unterschiedlicher ideologischer Einstellungen brachen sogar Konflikte aus, die einmal bis ins Handgreifliche mündeten. Etwas hatten damals jedoch alle Bewohner gemeinsam: den Mut, sich auf das Produkt einer Pionierleistung einzulassen. Autofrei und umgeben vom Wald ist Halen ein Paradies für Kinder. Durch die dichte Siedlungsstruktur wird der öffentliche Raum als eine Ausdehnung des privaten Wohnraums wahrgenommen. Die optische Uniformität der Wohneinheiten und die Verbannung des Prestigeobjekts Auto in die gemeinsame Garage kann auch interpretiert werden als Versuch, eine klassenlose Gemeinschaft schaffen zu wollen. Die Siedlung unterschied sich jedoch so sehr von ihrer Umgebung, dass sie unweigerlich als Wohnort einer Kulturelite wahrgenommen wurde.
Die Siedlung Halen heute
In der Schweiz kann sich nach wie vor nur eine Minderheit der Bevölkerung Wohneigentum leisten, und diese Minderheit schaut auf die Stararchitekten, die gerade en vogue sind. Grandios und möglichst zur Schau stellend muss das Eigenheim heute sein. Gegen dieses Selbstverständnis steht Halen wie eine kleine Reliquie da – mit einer Aura des Ruhms. Halen strahlt heute eine enorme symbolische Kraft aus: Hier zu wohnen ist heute fast so prestigeträchtig wie in einer Wohnung des Bauhauses oder Le Corbusiers. Gewiss sind Räume Ausdruck eines kollektiven Gedächtnisses, Räume sind aber auch „die Orte und Plätze des verdinglichten Sozialraums“, wie der französische Soziologe Pierre Bourdieu sagt: Man wird von ihnen geprägt. Die Menschen, die in der Siedlung Halen aufgewachsen sind, bewerten ihre Wohnerfahrungen höchst positiv. Ihre Erzählungen legen Zeugnis einer zufriedenen und vielfältigen Kindheit ab. Natürlich haben sich die Verhältnisse in Halen verändert, es gibt weniger Kinder und auch dort wünscht man sich heute mehr Individualität. So wurden einige Eingangstüren der Häuser farbig gestrichen – für Puristen ein Skandal. Schließlich steht Halen heute unter Denkmalschutz.
Beton als gestaltendes Element
Entgegen der vielfach vertretenen Meinung, Halen sei ausschließlich mit Beton gebaut, erzählte mir Alfredo Pini, einer der fünf Gründer des Büros Atelier 5, kürzlich Folgendes: Ursprünglich hatte das Büro die Siedlung Halen mit Betonfertigteilen geplant. Es fand sich jedoch damals – anders als heute – kein Hersteller, der die Teile kostengünstig hätte produzieren können. Vor ihnen hatte Le Corbusiers in Nantes gleiches versucht, aber auch er musste seine Pläne ändern. So wurde Halen mit 12 cm dicken und verputzten Backsteinmauern gebaut. Aus Beton sind die das Quartier prägenden Stützmauern, die präsente Garagenwand und die Balkonschachteln der einzelnen Häuser. Diese Betonelemente sind es, welche den optischen Eindruck evozieren, die Siedlung bestehe ausschließlich aus Beton.
Halen wird 50 Jahre alt. Zu diesem Anlass wurde u.a. die das gesamte Ensemble prägende Betonwand der Garage saniert. Die Siedlung wird regelmäßig unterhalten, so dass die „alte Dame“ kein Lifting braucht – sie ist konstant modern, und deswegen immer noch begehrenswert. Als Familie lebten wir sehr glücklich in einer Siedlung des Atelier 5 – und mit kleinen Kindern würden wir keine Sekunde zweifeln, wieder dort zu wohnen.
Nancy Wiesmann-Baquero
Linktipps:
Siedlung Halen
Atelier 5
Literatur: Die Kinder der Siedlung Halen