Reportage
Energie-Architektur
Der Schweizer Fotograf Christian Helmle entdeckt moderne Kraftorte
Die Ästhetik von Kraftwerken war bislang fast kein Thema. Sie erkundet derzeit niemand so gut wie der Schweizer Fotograf Christian Helmle. Ein Portrait über einen ungewöhnlichen Fotokünstler und seine ungewöhnlichen Motive.
Das Zusammenspiel von Menschenwerk und Natur hat ihn immer schon fasziniert. Seine Schweizer Heimat ist überreich an Brücken, Viadukten und Stauseen, die bereits der junge Christian Helmle bestaunte. Man sieht es seinen Bildern an und hört es im Gespräch heraus: Fast überall in der Schweizer Natur spürt er die menschlichen Eingriffe, und in den menschlichen Artefakten wiederum sieht er die Natur. Einen sich einander ausschließenden Gegensatz von Natur und Kultur kennt der hilosophierende Fotograf nicht, „Künstlichkeit“ versteht er keineswegs im Sinne eines naturfreien enschlichen Mach-Werkes. Für seine Zusammenschau verwendet er zutreffend den Begriff „Kultnatur“. Der 56-jährige, der ursprünglich Ethnologe und Soziologe werden wollte und auch schon einschlägig studiert hatte, lernte das Fotografieren auf der Fotoschule Vevey und auf ausgedehnten Reisen – mit einem ethnologischen Blick. Der Künstler, der seit seiner Geburt im selben Haus in Thun wohnt, bereiste Afrika, Mexiko und Guatemala sowie immer wieder Europa und seine Schweizer Umgebung. Längere Zeit machte sich Helmle als Pressefotograf einen Namen. Doch immer stärker setzte sich ein ünstlerischer Anspruch durch – und eine andere Haltung. „Fotografie ist niemals objektiv!“ meint er mit Heftigkeit in der Stimme. Entscheidend sei die innere Haltung, mit welcher der Fotograf sich den Objekten nähere, sie teile sich dem Betrachter immer mit.
Architekturfotografie und Weiße Elefanten
Doch wie kam er dazu, in letzter Zeit immer häufiger Kraftwerke aller Art zu fotografieren? Allgemein, weil er sich der Architekturfotografie zugewandt hat. Speziell, weil er Bauwerke fotografierte, die nicht mehr oder nie genutzt wurden. Unter dem Titel „Weiße Elefanten“ publizierte Helmle 2007 einen beeindruckenden und manchmal situationskomischen Fotoband mit solchen Bauruinen. Der Begriff „Weiße Elefanten“ stammt aus der Kolonialzeit und bezeichnete Gebäude, die die Kolonialherren zurückließen und für die die Einheimischen keine Verwendung fanden. Bei der Suche nach Weißen Elefanten in Europa stieß der entdeckungsfreudige Helmle auch auf das 1996 stillgelegte Braunkohlekraftwerk Vetschau in der Lausitz und auf das österreichische Atomkraftwerk Zwentendorf, das 1978 fertiggestellt, aber aufgrund einer Volksabstimmung nie in Betrieb genommen wurde. Dabei war ihm die Idee gekommen, Kraftwerke generell fotografisch zu erkunden – und zwar diesmal Kraftwerke vornehmlich im aktiven Zustand. Auf die Weißen Elefanten, so erzählt Helmle, sei er oft durch Presseartikel aufmerksam geworden und habe sie gezielt besucht. Eben so gezielt und vorbereitet besucht er jetzt Kraftwerke. „Ich stehe erst am Anfang!“ sagt Helmle. In nächster Zeit plant
er ausgewählte Kraftwerke in Oberitalien zu portraitieren Und wie dürfen wir uns seine innere Haltung beim Fotografieren beispielsweise von Kernkraftwerken vorstellen? „Ja, ich habe früher auch einmal gegen Atomkraftwerke demonstriert.“ Dies beeinflusse aber heute seine Haltung als Fotograf überhaupt nicht. Er möchte gewissermaßen die „Aura“ von geballter Kraft erfassen. Damit zusammen interessiert ihn die Art, wie ein Kraftwerk wiederum mit der Umwelt zusammenlebt.
Mit diesem Thema betritt Christian Helmle Neuland. Denn die Architektur von Kraftwerken wurde bislang kaum eigens thematisiert und noch weniger ästhetisch gewürdigt. So nimmt es nicht wunder, dass er im November des letzten Jahres zu einem Symposium an den Stuttgarter Weissenhof gebeten wurde, um dort seine Fotos zu präsentieren. Die Tagung trug den im wörtlichen Sinn merkwürdigen Titel Energie-Architektur – unsichtbar ästhetisch?“ Die Einladung enthielt eine Formulierung, die so auch von Helmle stammen könnte: „Die architektonischen Strategien des Umgangs mit diesem sehr speziellen Teil der gebauten Umwelt könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie erstrecken sich vom Verbergen und Verkleiden über das neutrale Zeigen bis zum Überhöhen.“
Kraftorte
Seine Fotopräsentation nannte er auf dieser Tagung so wie sein ganzes Projekt: „Kraftorte“. Dies wirkt provozierend, denn mit Kraftorten verbanden viele Menschen bisher immer etwas scheinbar ganz anderes. Kraftorte waren in früher Zeit Orte, an denen der Mensch göttlicher Kraft näher war als anderswo. Heilige Haine, Berge, bestimmte Bäume, aber auch Quellen waren Orte mit einer besonderen Ausstrahlung, einer Aura, an denen die Menschen eine besondere Energie spürten. (Heute befassen sich nicht nur, aber ganz besonders Esoteriker mit solchenErfahrungen.) An diesen Orten errichteten die Christen häufig Kirchen. Aber auch die Kirchengebäude selber konnten und können das Gefühl vermitteln, besondere Kräfte auszustrahlen – wie zum Beweis, dass er solche traditionellen Kraftorte ernst nimmt, führt Helmle fast kommentarlos den Besucher in die romanische Krypta der Amsoldinger Kirche in Thun, setzt sich auf einen Stuhl am Gemäuer und schweigt – wie es überhaupt auch im Gespräch mit diesem Kraft ausstrahlenden Künstler immer wieder kurze Schweigemomente gibt. Er sammelt sich, um danach konzentriert und ohne Umschweife weiterzusprechen.
Auch die Reliquienverehrung der katholischen Kirche kannte das Kraft spendende Fluidum eines Dinges. In jedem Altar musste zumindest ein kleiner Teil der sterblichen Überreste eines Heiligen oder Seligen eingelassen sein. Dies machte den Altar und den Raum um ihn herum gleichsam zu einem Kraftort. Aber wer von Helmles „Kraftorten“ spricht, kann von dem Begriff der Säkularisierung nicht schweigen: Die Atomkraftwerke seien die Dome des 20. Jahrhunderts, wurde schon vor einiger Zeit einmal formuliert. Dies bestätigt bereits der Augenschein: Die Wucht der Architektur, Kuppel und Kühltürme erinnern tatsächlich an Kathedralen. Auch die Energiearchitektur liebt eben manchmal die „Überhöhung“ und sucht damit zumindest unbewusst die Nähe des Sakralen. Und eine Frage muss möglich sein: Hoffte nicht früher die abendländische Menschheit so auf Gottes Kraft, wie die meisten Menschen heute auf die Kraft materieller Energie? Aber auch eine andere Frage, die sogar heidnische Esoteriker und Christen miteinander verbindet, darf zumindest gestellt werden: Sind spirituelle und materielle Energie letztlich vollständig voneinander zu trennen? Einiges spricht dafür, dass eine zumindest strikte Trennung wenig sinnvoll ist.
Mythos der Moderne
Helmles „Kraftorte“ erzählen aber auch von dem Mythos der Moderne. Die Soziologen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno haben in ihrem 1944 fertiggestellten, aber erst viel später in Deutschland verlegten Werk „Dialektik der Aufklärung“ Odysseus als den Prototypen der Moderne interpretiert. Die schon in der Antike sprichwörtliche List des Odysseus habe darin bestanden, die Naturmächte zu überlisten. Ob es das Stauen eines Sees in den Bergen, das Verbrennen fossiler Stoffe oder die Spaltung von Atomkernen ist: immer werden Naturkräfte mit List dazu gebracht, dem Menschen zu nutzen. Bereits Odysseus wusste aber, dass jede List mit einer Gefahr verbunden ist. Wenn eine Staumauer bricht oder ein Atomkraftwerk birst, so ist dies hauptsächlich nur für einen Teil der Natur unerquicklich, nämlich für Menschen und für manche Tiere und Pflanzen. Was wir beispielsweise als Explosion begreifen, ist der Natur nahezu gleichgültig. Der für den Menschen stets gefährlichen mwandlung von Naturenergie in für Menschen nützliche Energie kann nur wiederum mit Natur begegnet werden. Vielen ist es ja nicht mehr wirklich bewusst, dass Beton und Zement, die alle Versionen von Kraftwerken stützen, letztlich auch nur vom Menschen kultivierte und komponierte Naturprodukte sind. Denkwürdig ist, dass der Mensch bei der Energie- Architektur mit der Natur listig zusammenarbeiten muss, um die Kräfte der Natur zu kanalisieren und zu bändigen. Dies ist das Paradoxon: Vor der Unbändigkeit der Natur schützt uns nur die Natur. Daher darf man vielleicht auch von einer Gefährdungsarchitektur“ sprechen, die Christian Helmle in den Blick nimmt.
Der Unterschied zwischen den alten und den neuen Kraftorten besteht vermutlich darin, dass die neuen Kraftorte mit Gefahren verbunden sind. Ihre Kraft muß daher noch verschlossener sein, als es die alten spirituellen Kraftorte waren. Helmles fotografische Haltung tendiert auch zur symbolischen Bildsprache, wenn er in einem Bild die ehrwürdige Kraft eines Schweizer Bergmassivs mit einem Stausee zusammenbringt. Beide umgibt die Aura von Kraft. Schließlich bleibt die Frage: Was ist etymologisch ein Kraftort? Es handelt sich bei diesem Wort beinahe um ein Hendiadyoin. Dieses griechische Wort meint, dass ein Begriff überflüssigerweise durch zwei Wörter dargestellt wird. Denn schon im „Ort“ schimmert die Kraft durch: „Ort“ hieß einmal „Spitze“ und „Waffenspitze“. In einer solchen versammelt sich alle Kraft. Christian Helmle geht es auch um die Aura seiner fotografierten Objekte. Dass es ihm vielleicht als erstem Fotografen gelungen ist, die etwas unheimliche und doch beeindruckende Aura moderner Kraftorte zu erzählen, ist kulturhistorisch ebenso notwendig wie anregend.
Martin Thoemmes
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