Energie

Foto: Anne Gabriel-Jürgens


Editorial

Energie

Bei völliger Ruhe und einer Raumtemperatur von etwa 28 °C benötigt der Mensch zur Aufrechterhaltung seiner biologischen Funktionen 1.500 bis 1.700 kcal pro Tag. 70-80 Prozent dieser Energie werden als Wärme abgegeben. Wir heizen damit soviel wie eine 60 W-Glühbirne oder eine Kerze – selbst im Schlaf. Werden wir aktiv, steigt unser Energieverbrauch immens: bis zu 480 kcal etwa beim dreißigminütigen Boxen im Ring. Die vielfach praktizierte Büroarbeit nimmt sich da harmlos aus: Hier kommen wir mit ca. 60 kcal im gleichen Zeitraum aus.

Diese Zahlen aus der Welt der Ruhe, der Bewegung und des Handelns beschreiben ein zentrales Thema unserer Gesellschaft, um das es in diesem Heft geht: Energie. Je mehr wir tun, desto mehr davon benötigen wir. Wollen wir Energie einsparen – und das müssen wir – bedeutet das unweigerlich: Verzicht. Das aber tut niemand freiwillig. Keiner will auf das warme Wohnen, möglichst leichte Arbeitsprozesse im Büro, auf der Baustelle oder gar auf Reisen und Konsumieren jeglicher Art verzichten. Verzicht ist für uns nur dann mit positivem Ziel verbunden, wenn wir abnehmen möchten und fasten. Alles andere bedeutet: Hunger leiden.

Wollen wir unseren Lebensstandard nicht in Frage stellen, so gibt es nur eine Lösung: Wenn wir weiterhin handlungsfähig bleiben wollen, müssen wir das mit weniger Energie ermöglichen. Das ist nicht neu. Die Entwicklung von ressourcenschonenden Konstruktionen und Prozessen ist längst zum Standard des Wirtschaftslebens geworden. Dennoch verbrauchen wir immer mehr Energie. Wachstum vom Energieverbrauch abzukoppeln ist uns dauerhaft noch nicht gelungen.

Immer wieder wird herausgestellt, dass dem Bausektor eine Schlüsselrolle im Hinblick auf die Energieeffizienz zukommt. Sicherlich stimmt, dass die meisten unserer Aktivitäten in gebauter Umwelt stattfinden – in Wohnungen, Büros, Flughäfen oder Schulen. Die Frage, die Architekten und Ingenieure täglich mit ihrer Arbeit beantworten, lautet, wie unser Leben genau stattfindet, welche Räume dem Leben gegeben werden. Wie groß oder wie klein einzelne Bereiche sind, wie sich Abläufe gestalten, welchen Bezug Räume zur Umgebung aufnehmen und auch, wie sie konstruiert sind. Bauen schafft den Rahmen für die Komplexität unseres Lebens – und damit auch für einen Teil unseres Energieverbrauchs. Die Ansprüche an dieses Leben aber formulieren die Bauherren und Nutzer! Würde man verlangen, dass sich dieses Leben nach den Vorgaben von Planungen zu richten habe, wäre das Scheitern vorprogrammiert. Wohl aber kann man fordern, dass die Planungen die Wünsche und Vorstellungen des Lebens respektieren und ihren Einfluss auf dessen konkrete Ausprägung für zukunftsfähige Gesamtlösungen nutzen. Diese sind naturgemäß komplex – was nicht kompliziert heißt. Entwickelt werden können sie nur durch gemeinsames Agieren aller am Bau Beteiligten. Wir haben daher verschiedene Professionen befragt und möchten Ihnen ganz unterschiedliche Facetten der Diskussion zu Energiethemen nahebringen. Auch die Zementindustrie kommt zu Wort, ist doch Zement zentraler Bestandteil von Beton. Und Beton, der weltweit am häufigsten verwendete Baustoff, prägt auch unser Leben.

Torsten Förster