Essay
Drei Umdrehungen
von Andreas Denk
Die Idee einer linearen Entwicklung der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts ist zahllosen Revisionen unterzogen worden, die das Bild der Epoche facettenreicher zeichnen als früher. Dabei ist die gerade historische Linie in eine eher aus ineinander verwobenen Spiralen bestehende Figur verwandelt worden. Für unsere Auffassung der Moderne sind zwei Epochenumbrüche – im Sinne von Umdrehungen dieser bildlich zu verstehenden Spiralfigur – entscheidend, deren Erschütterungen jeweils massive Veränderungen im Verständnis von Architektur bewirkt haben. Mit den Anforderungen an eine höhere energetische Effizienz steht die Architektur vor einem dritten Epochenumbruch.
Charakter und Entkleidung
Der erste dieser Umbrüche ist in den Gedanken der Aufklärung des 18. Jahrhunderts begründet. Sie bewirkten eine Betonung des Individuums, seiner Fähigkeiten und seines Willens, nicht mehr die des absolutistischen Herrschers: Die über Jahrhunderte verbindlichen Säulenordnungen mit ihren gesellschaftspolitischen Implikationen wurden hinfällig. Die Architektur lief in die einfacheren Modelle des Klassizismus und jene schlichte Architektur „um 1800“ aus, die in der Gebäudeform selbst ihren für alle erkennbaren Aussagewert, ihren „Charakter“ bestimmen wollte.
Die Abkehr von den historischen Stilen bedeutete in den 1890er Jahren eine zweite grundsätzliche Erschütterung bestehender Wertsysteme: Am Anfang dieser Bewegung steht Gottfried Semper, der mit seiner „Bekleidungstheorie“ die historischen Stile und ihre Ornamentik aus den Ursprüngen der Architektur ableitete. Seiner Vorstellung einer „kosmopolitischen Zukunftsarchitektur“ zufolge können hingegen allein Größe und Anordnung von Räumen verbindlich zu erkennen geben, welchen Rang sie im gesamten Raumgefüge besitzen. Dabei scheint es in Sempers Vorstellung sogar möglich zu sein, auf die Applikation eines „historischen“ Stils als kennzeichnende „Bekleidung“ zu verzichten. Diese Erkenntnis mündete schließlich in die Überzeugung der nächsten Generation, dass die Synthetisierung historischer Stile als Ausdruck der Industriegesellschaft ausgedient habe. Sie setzte den zweiten „Impuls der Moderne“ frei, der in einer radikalen Entkleidung der Gebäude die lang gehegte Hoffnung auf einen neuen, in gewisser Weise stillosen „Stil“ einlöste.
Die dritte Umdrehung als die große Unbekannte
Diese beiden „Umdrehungen“ der Architektur wurden jeweils von vehementen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen stimuliert. Wenn wir solche Einflussfaktoren für die Gegenwart suchen, taucht am Problemhimmel über unserem Globus sofort der Fixstern des drohenden Endes der materiellen und damit auch energetischen Ressourcen auf. Die Verfügbarkeit von Energie steht dabei kausal zu den beiden mindestens genauso eklatanten Problemfeldern, die uns beherrschen: Will man auch den Bewohnern von Schwellen- und Entwicklungsländern ein halbwegs auskömmliches Leben garantieren, wird dies zwangsläufig mit einer immer größeren Energiekonsumption verbunden sein. Der unsere Existenz bedrohende Klimawandel wird jedoch nur durch eine Verringerung des Energieverbrauchs und der damit verbundenen Emissionen zu begrenzen sein. Diese folgenreiche, fast paradoxe Kausalität ist wirtschafts-, gesellschafts- und eisteswissenschaftlich bisher kaum durchdrungen. Entsprechend bewegt sich auch das Nachdenken über eine angemessene Architektur, die dem notwendigen Wandel unserer Lebensweise entsprechen könnte, auf einem Niveau, das zumeist zu wünschen übrig lässt.
Offensichtlich verbreitet sich inzwischen das Bewusstsein für die Notwendigkeit anderer energetischer Konzeptionen von Gebäuden. Das Gebäuderating, das die Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen (DGNB) mit ihrem Siegel anstrebt, bezieht sich auf die Kriterien der baulichen Qualität, der Technik sowie auf soziale und ökonomische Aspekte. Erprobt wurde diese Zertifizierung erst bei einem guten Dutzend Bürogebäuden. Ab Oktober, also mit dem Inkrafttreten der Energieeinsparverordnung, wird die Deutsche Energie-Agentur (DENA) das Qualitätssiegel „Effizienzhaus“ anbieten, das für alte und neue Wohngebäude Anwendung finden soll. Das Klima-Manifest mit dem sprechenden Motto „Vernunft für die Welt“, das die deutschen Architekten und Ingenieure Ende März Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee übergeben haben, spricht indes eine andere Sprache als die der technisch angelegten Zertifizierungs-Kampagnen. Hier ist von einer Verantwortung der Entwerfer und Planer die Rede, die auch die Ebene der Ästhetik berücksichtigt. Denn das Eigentümliche der Architektur ist schließlich, dass neben konstruktiven und gesellschaftswissenschaftlich analysierbaren Kriterien auch die Kategorie des interesselosen Wohlgefallens erfüllt sein muss, bevor wir sie als gelungen empfinden.
Schon einmal hat sich ein Wandel der Architektur unter energetischen Gesichtspunkten abgezeichnet: Die Energiekrise der frühen siebziger Jahre führte zu einer Verkleinerung der Fenster respektive einer ergrößerung der Wandflächen der Bauten, was je nach Vermögen der Architekten mit mehr oder weniger Eleganz gelungen ist. Nur wenige haben diese einfache Methode des Energiesparens zur Entwicklung einer spezifischen Architektur genutzt. Der französische Architekt und Philosoph Paul Virilio untersuchte damals in seiner „Bunkerarchäologie“ das unter ahrnehmungstheoretischen Gesichtspunkten einseitige Verhältnis des Innenraums der deutschen Atlantikbunker zu ihrer Umgebung. Daraus ergab sich eine unerwartete Lösung bei der Suche nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten: Denn Virilios ästhetische Überlegungen ließen sich hervorragend beim Entwurf energetischer Festungen anwenden, die außerdem auf die formalen Entwicklungen Le Corbusiers in La Tourette und Chandighar Bezug nehmen konnten. Nun sind wir mit dem Dämm- und Dichtungswahnsinn, der – durch staatliche Förderprogramme unterstützt – um sich greift, auf eine Stufe der architektonischen Entwicklung rückversetzt worden, die absurderweise Sempers Bekleidungstheorie entspricht: Nur dass wir den Gebäuden, in denen wir leben und arbeiten, nicht mehr eine Hülle überwerfen, die der Architekturgeschichte entstammt, um auf ihren Zweck oder die gesellschaftliche Position oder Haltung ihrer Bewohner hinzuweisen. Sie bekommen stattdessen eine neutrale Bekleidung – die entsprechenden Zentimeter Wärmedämmverbundsystem –, die dem neuen gesellschaftlichen Zweck der Energiekontrolle und vermeintlichen Klimagerechtigkeit entspricht.
Dies wird auf ähnlich unbeholfene Weise zum Ausdruck gebracht durch die Wahl der dafür verwendeten Begriffe: Das Vokabular reicht von „Nachhaltigkeit“ über „energetische Ertüchtigung“ bis zum Nullenergiehaus“: Begriffe, die eine Eindimensionalität der Architektur befürchten lassen, solange sie solchermaßen verbal munitioniert auf Fördergelder- und Zertifizierungsprogramme zugeschnitten wird.
Aber Architektur ist mehr, muss mehr sein. Gesellschaftliche Entwicklungen und Erfordernisse können durchaus radikale Umbrüche in der gesamten Auffassung von Architektur hervorrufen. Stehen wir vor einem dritten Epochenwandel, der eine ganz neue Auffassung von Architektur erzwingt? Sollte nicht das bedingungslose, konsequente Nachdenken über Materialeigenschaften, die Entwicklung und iederentdeckung von konstruktiven Spezifika, die einer höheren energetischen Effizienz zuträglich sind, zwangsläufig zu einer anderen Architektur führen? Wir könnten jetzt die Rahmenbedingungen efinieren, die für die zukünftige Architektur gelten. Dafür ist allerdings ein vorurteilsfreies, im Abwägen vom Vorteil tradierter Typologien und radikaler neuer Lösungen offenes Nachdenken über die Konzeption und Gestalt von Gebäuden und Bauwerken nötig. Es betrifft nicht allein das energetische Problem, das die Architektur der Gegenwart fraglos aufwirft. Denn die neue klimagerechte Architektur muss auch das absehbare Ende anderer materieller Ressourcen, die erkennbaren gesellschaftlichen Segregationen und die möglicherweise daraus resultierenden Konflikte reflektieren. Dies könnte unter anderem bedeuten, dass wir Häuser nie mehr als Einzelbauwerke betrachten, sondern nur noch als Teile der Stadt, als wesentlichen Lebensraum der meisten Menschen: Bedenkt man, was allein dieser Blickwechsel für eine Gesellschaft bedeutet, in der das Verhältnis von Gemeinschaft zu Individuum urchaus ins Ungleichgewicht gerutscht ist, zeigt sich die Größe der Aufgabe.
Der kosmische Herd als Energiespender
Vielleicht spendet die Philosophie Trost, Hoffnung und Ansporn: Peter Sloterdijk hat in den „Sphären“ vor einigen Jahren darüber nachgedacht, wie sich die Gesellschaft als Gemeinschaft von Individuen entwickeln könnte. Dabei hat bei ihm die Frage nach der Energieversorgung – sowohl im physikalischen wie im mentalen Sinn – im Mittelpunkt seiner Überlegungen gestanden: Der Philosoph ist vom archetypischen Modell der Versammlung der Menschen um die Feuerstelle, dem „Herd“ ausgegangen, der einer menschlichen Gemeinschaft Sinn und Energie zum Überleben gibt – und den bereits Vitruv und später Gottfried Semper als Gründungsmythos der Architektur und Ausgangspunkt ihres Nachdenkens über deren ureigentliches Wesen gewählt haben. Statt der mit fossilem Brennmaterial betriebenen Koch- und Wärmestelle hat Sloterdijk eine Versammlung der Menschen um den „kosmischen Herd“ mpfohlen, jenen Energiespender, der als einzige Quelle vergleichsweise unerschöpflich ist. Über die rchitektonische Dimension und die reale Ausprägung solcher solaren „Versammlungsstätten“ hat sich Sloterdijk – wissend, dass hier die Grenzen seines Faches erreicht sind – ausgeschwiegen. Dieser edanke wäre indes fortzuführen...
Andreas Denk