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AnwendungZu Herstellung und Einsatz von StampfbetonBeton in seiner archaischsten Form.Beton, eines der ältesten Baumaterialien der Welt, ist heute ein Hightech-Produkt: komplexe Herstellungsverfahren ermöglichen die Realisierung modernster Bauaufgaben. Beton kann aber auch ganz „anders“ sein: archaisch, monolithisch und der natürlichen Umgebung entwachsen – Stein und Natur. Die besondere Ästhetik des Stampfbetons ermöglicht die Schaffung ganz eigener, ursprünglich wirkender Räume und Raumerlebnisse. Peter Zumthor war es, der eine seit langem bekannte Verarbeitung von Beton in ungewohnter Form präsentierte: er rief mit der Bruder-Klaus-Kapelle bei Wachendorf in der Eifel den Stampfbeton in Erinnerung, der hier in geradezu archaischer Weise verarbeitet wurde. Der schweizerische Architekt favorisierte diese Form des Betons, da er auch von Laien beherrscht werden kann: „Dadurch kann eine Familie selbst ihre Kapelle bauen.“ Dass sich viele Menschen Zeit und Muße nahmen, um den Beton für diese Wallfahrtskapelle in die gewünschte Form zu bringen, ist im Ergebnis wohl auch Zeichen für Gemeinsamkeit und gemeinsam empfundenen Glauben: Mit eigenen Füßen und Händen wurde der Beton vor Ort gemischt und in 23 Schichten, die jeweils etwa einen halben Meter hoch sind, gemeinschaftlich zu der turmartigen Kapelle gestampft. Der gesamte Bauprozess zog sich über zwei Jahre hin: langsam wuchs der Monolith außen gerade, innen entlang der zeltartig aneinander gelehnten Baumstämme empor. Selbst das schließlich mit dem Beton völlig verbundene Holz im Inneren setzte der Architekt für die Gestaltung ein, indem er es mittels eines langsamen, den Beton nicht schädigenden Köhlerfeuers herausbrannte. Die zwischen innerer und äußerer Schale notwendigen Stege wurden nach der Freilegung mit Glassteinen ausgefüllt, die nun reizvolle Lichtpunkte im Raum bilden. Sicherlich andere Überlegungen waren ausschlaggebend dafür, dass auch für die Gartenumwehrung des Diözesanmuseums Kolumba in Köln – zeitgleich zur Bruder-Klaus-Kapelle ebenfalls nach Plänen Zumthors errichtet – Stampfbeton verwendet wurde. Die an Naturstein gemahnende Erscheinung der Gartenmauer steht in einem spannenden Gegensatz zu dem präzise wirkenden Baukörper des Museums und erzeugt dadurch einen Raum, der trotz der Lage mitten im städtischen Getümmel zur meditativen Einkehr einlädt. Das ästhetische Merkmal von Stampfbeton ist die Ablesbarkeit der einzelnen Schichten, die aufgebracht werden. Konstruktiv handelt es sich um unbewehrte Bauelemente, die ausschließlich auf Vertikaldruck beansprucht werden können. So liegt es nahe, dass Stampfbeton gegenwärtig dort verbaut wird, wo der Einsatz großen Geräts im Gegensatz zu Umfang, Inhalt und zuweilen topografischer Lage der Bauaufgabe steht, also vor allem in der Landschaftsarchitektur etwa für Begrenzungs- und Stützwände. Baukonstruktiv wurde Stampfbeton lange Zeit zur Herstellung großer Fundamente gewählt, wie etwa für Widerlager. Im Brückenbau war das Material in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beliebt. Nahe Kempten im Allgäu tut die „Obere Illerbrücke“ seit über hundert Jahren als weltweit größte Stampfbetonbrücke für die Eisenbahn ihren Dienst. Aufgrund der vielfältigeren Belastungen wurde im 20. Jahrhundert dem Stahlbeton der Vorzug gegeben. Die Verarbeitungsform geht auf das Pisé-Verfahren zurück, im Deutschen auch als Piseebau oder Stampfbau geläufig. Für die in Frankreich seit Anfang des 17. Jahrhundertsnachweisbare, seit Mitte des 18. Jahrhunderts auch publizierte Technik wurdejedoch vor allem Lehm angewendet. In Deutschland wurde erst Anfang des 19. Jahrhunderts infolge der 1803 erschienenen Publikation von Francois Cointereaux verstärkt Lehm zu Wänden gestampft, wobei die Bauaktivitäten in Weilburg an der Lahn eine herausragende Stellung einnehmen. Dort hat der Unternehmer Wilhelm Jakob Wimpf (1767-1839) die Bauweise etabliert. Zahlreichen Wänden seiner Wohn- und Geschäftshäuser wurde noch im 20. Jahrhundert „Betonqualität“ bescheinigt. Das größte Gebäude, 1836 errichtet, weist auf der hangabschüssigen Seite eine Höhe von über zwanzig Metern mit sechs Stockwerken auf. Dass sich das Pisé-Verfahren und letztlich der seit Anfang des 20. Jahrhunderts bekannte Stampfbeton im Hochbau nicht durchsetzen konnten, liegt zum einen an der langwierigen Verarbeitung, zum anderen an der langen Trockenzeit und den nicht zu vermeidenden Ausblühungen. Auch müssen seit 1972 wegen einer engen Normenauslegung Wände aus Beton eine Mindestbewehrung aufweisen, obwohl sie statisch nicht wirksam ist. Farben der Natur Spannende Ergebnisse im Erscheinungsbild lassen sich durch Zuschlagstoffe erzielen, die heute als Gesteinskörnung genormt sind. So ist die Mauer des Kolumba-Museums bräunlich gefärbt. Solche Töne lassen sich durch entsprechende Sande, aber auch durch feinen Ziegelsplitt herstellen. Der Auswahl in Frage kommender Gesteinsarten sind kaum Grenzen gesetzt, außer dass sie nicht übermäßig Wasser saugen dürfen, um eine gleichmäßige Verarbeitung zu gewährleisten. Geeignet sind Kies oder Schotter aus natürlichen Steinen, der durch raue Bruchflächen und scharfe Kanten besonders gut haftet. Im Übrigen fördert eine kantige Kornform die Grundstandfestigkeit des Stampfbetons, der dann bereits vor dem Erstarren ausgeschalt werden kann. Jedes Korn soll von Feinmörtel ummantelt sein, so dass dessen Menge entsprechend zu bemessen ist. Die Wahl der Zuschläge war auch vor dem Bau der Kapelle in Wachendorf diskutiert worden. Zumthor hatte vorgeschlagen, Kies und Erde aus der unmittelbaren Umgebung zu verwenden. So wirkt die Kapelle als großer abstrakter Stein, der schon immer Teil dieser Eifellandschaft gewesen ist. Das Bauen selbst in die Hand nehmen In der Regel wird die Vorortanwendung von Stampfbeton wohl weiterhin lediglich eine Sonderrolle für einfache Bauobjekte spielen. In diesen Fällen aber lädt diese so unmittelbare und elementare Handhabung des Materials dazu ein, das Bauen wortwörtlich selbst in die Hand zu nehmen und damit ganz bewusst die Erstellung des Bauwerks zum eigenen Erlebnis werden zu lassen. Michael Kasiske, Wolfgang Schäfer |


