Nonne tastet sich in die Wallfahrtskirche in Neviges

Foto: Anne Gabriel-Jürgens


Editorial

Orte des Glaubens

Am Anfang ging es uns, wie so oft, um das Naheliegende: zu zeigen, in welch beeindruckender Vielfalt schöne Sakralbauten aus Beton gebaut wurden und werden: Kirchen, Kapellen, Andachtsstätten. Natürlich hatte jeder seine ganz eigenen Bilder von „Gotteshäusern“ im Kopf: die archaischrohen und die minimalistisch-ästhetischen.

Darüber wollten wir ein Heft machen. Uns fielen aber auch sehr schöne Kirchenbauten ein, die nur noch wenig genutzt werden und denen neues – vielleicht auch „glaubensfernes“ – Leben gut tun würde. Und natürlich und unbedingt gehören auch Synagogen, Moscheen und Tempel zu diesem Thema. Aber vielleicht sogar noch mehr? Konsumtempel?  Bahnhofskathedralen? Ganz so einfach war es also nicht.

Spannend und auch fassbarer wurde es, als uns das Wort „Glaube“ zu viel weitreichenderen Diskussionen anregte, die über den konkreten Kontext des Sakralbaus hinauswiesen. Was ist das eigentlich: „Glaube“? Wie manifestiert sich „Glaube“? Offenbar ist es jedem von uns eigen, an etwas zu glauben. Damit muss nicht nur das „Göttliche“ gemeint sein. „Glaube“ kann bekanntlich Berge versetzen; sprich: die Welt verändern. Das erleben wir tagtäglich, im privaten wie im öffentlichen und wirtschaftlichen Leben.

Der Umkehrschluss, bezogen auf die Architektur, wird höchst interessant: Welchen Einfluss nimmt der gebaute Raum auf den Glauben? Denn um die Architektur, den Raum, geht es uns schließlich. Auch hier – einmal wieder – kann die Architektur eine Stellvertreterrolle einnehmen. An den Hüllen, die wir uns bauen, um angemessenen Raum für den Glauben zu schaffen, lässt sich vielleicht leichter aufspüren, wie der „Glaube“ auf uns wirkt, uns vielleicht sogar beeinflusst.

Die Frage, der wir letztlich nachgingen, hatte weniger den sakralen Raum als solchen im Blick, als vielmehr das, was die sakrale, heilige Wirkung dieser besonderen Räume ausmacht. Damit also beschäftigt sich dieses Heft.

Die Arbeit daran war ganz besonders spannend. Unter anderem deshalb, weil die Themen und Beiträge in ungeahnter Weise miteinander in Kontakt treten, sich quasi unterhalten. So werden Sie an verschiedenen Stellen Bezüge zur perfekten Sichtbetonästhetik der Bauten Tadao Andos finden. Und wie die Betonkirchen von Dominikus und Gottfried Böhm das Rheinland durchziehen, so taucht das Werk dieser Architekten in den Beiträgen mehrerer Autoren auf. Nicht zufällig war Gottfried Böhm einer unserer Gesprächspartner zum Thema Glaube. Und natürlich spielt das Licht eine zentrale Rolle und ist in seinen verschiedenen Stimmungen auch für die Bildauswahl in diesem Heft entscheidend gewesen. Auch die Möglichkeit Beton frei zu formen, skulptural zu arbeiten, wird mehrfach erörtert. Derartige Querbezüge, die als rote Fädchen das Heft durchziehen, gibt es noch mehr. Der dicke Strang jedoch, der das Ganze zusammenhält, besteht in der steten Herausforderung des Architekten, etwas Besonderes zu schaffen. Und das gilt nicht nur für das sakrale Bauen – letztlich gilt es für jedes Werk. Wir hoffen, dazu ein wenig beitragen zu können.

Torsten Förster