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OrteKraftvolle Hülle oder sinnliche Haut.Neviges und Meschede.Auf der Suche nach den sakralen Zeichen unserer Zeit: Gottfried Böhms Mariendom in Neviges und Peter Kulkas Haus der Stille in Meschede. Unterschiedlicher können Räume kaum sprechen – und dennoch wollen sie dasselbe: Raum sein für eine andere Welt. Es war kurz vor Weihnachten 1980, als ich Neviges das erste Mal besuchte. Der Himmel war grau. Schnee lag auf den Fachwerkhäusern und dem kantigen Gebirge der Kirche. Sie wirkte wie ein dunkler Kristall, den ein Riese dort hingestellt hatte. Das Weiß des Schnees ließ die markante Struktur dieses Baus, der Neviges als sichtbare Stadtkrone überragt, wie ein abstraktes Gebilde erscheinen. Die Seitentür zum Altar stand offen, und Arbeiter trugen große Tannenbäume hinein. Ein Posaunist übte, sonst war niemand in dem großen Raum, den ich betrat. Ich stand in einer Kirche, wie ich sie nie zuvor gesehen hatte, in einem kristallinen Betonmassiv, dessen Dach über mir wie im Nebel verschwand. Mir war klar, dass ich eine der bedeutendsten Schöpfungen der modernen Architektur erlebte. Gleichzeitig fühlte ich mich wie an einem archaischen, magischen Ort. Die Stimmung in diesem großartigen Raum berührte mich unmittelbar. Seine fast mystische Atmosphäre verdichtete sich zu etwas fast Greifbarem, der Ahnung einer Macht, die mir eigentlich fremd ist und an die ich gewöhnlich nicht glaube. Ein ähnliches Erleben habe ich seither bei fast allen Menschen beobachtet, denen ich die Kirche zeigte. In diesem faszinierenden Raum spüren auch Nichtgläubige die Gegenwart eines transzendenten Wesens. Die Wallfahrtskirche in Neviges ist einer der seltenen Orte der modernen Architektur, die einen besonderen Geist atmen. Gottfried Böhm ist mit dieser gebauten Vision über sich hinausgewachsen, so eindrucksvoll sein sonstiges Oeuvre auch ist. „Ich wollte nur eine schöne Kirche bauen“, sagt er, sie wurde „sein genialstes Werk“ (Manfred Speidel). Ein Gebirge aus Beton: Provokation und Stolz als Spagat Die Wallfahrtskirche ist vor Ort eine Provokation. Das Betongebirge ist heute so fremdartig wie zum Zeitpunkt seiner Entstehung. Aber inzwischen sind die Bürger stolz auf die expressive Monumentalplastik in ihrer Mitte, die der Bauherr, der Kölner Kardinal Frings, ausdrücklich so wollte. Man muss sich vor Augen führen, dass die Kirche schon 1967 fertig gestellt wurde und bis heute ein einzigartiges Experiment in Sachen Konstruktion und Material darstellt, das an Größe, Mut und Zeichenhaftigkeit alle dekonstruktivistischen und anderen Bauten von heute in den Schatten stellt. Bei aller gewaltigen Größe des Raumes ist der Mariendom ein bergendes Gehäuse, das erhebt und nicht verunsichert. Hier fühlt sich auch ein Einzelner wohl und nicht verloren. Die Gegenseitigkeit von Raum und Mensch erlaubt Einkehr und Sammlung. Aber auch in der eng gedrängten Menschenmenge einer Wallfahrt, für die dieser Raum ja konzipiert wurde, wirken die umbaute Bewegung des Gotteshauses und seine schiere Höhe beruhigend und gelassen. Architektur als Verdichtung und Läuterung von Licht Was den großartigen Raum in Neviges besonders dramatisiert, ist sein Licht. Das Licht hilft, die Plastizität seines Innenraumes zu verstärken. Des Lichtes dunkler Bruder, der Schatten, schöpft räumliche Vielfalt aus Dämmerungen und gibt den Flächen Tiefe und Geheimnis. Im Grunde ist das Schaffen von Raum in der Architektur nichts anderes als eine Verdichtung und Läuterung von Licht. Und das überwältigende Innere von Böhms Kirche lebt vom Licht. Neviges ist eine „mit magischem Farblicht inszenierte Gottesburg“ (Wolfgang Pehnt). Es ist das atemberaubende Rot der glühenden Rosen in den von Böhm selbst entworfenen Fenstern, die das Innere in eine mystische Farbigkeit tauchen. Zu gewissen Zeiten, wenn die Sonne durch die Fenster in den dunklen Innenraum dringt, färben sich der Marktplatz und seine Randbebauung rötlich, und es wird jedes Detail wie bei einem Sonnenaufgang deutlich. Dann bricht sich das Licht im rau belassenen Beton der Wände als glühten die Oberflächen. Doch auch bei trübem Wetter bewirkt der einzigartige Reiz der Fenster eine Atmosphäre, als sei das Kircheninnere nicht von dieser Welt. Die Rose steht für „rosa mystica“, das Symbol Marias, die an diesem Wallfahrtsort seit dem 17. Jahrhundert verehrt wird. „Das Licht leuchtet in der Finsternis“, heißt es in der Bibel. Hier in Neviges hat Böhm dafür eine faszinierende Versinnbildlichung gefunden. Der Dom in Neviges ist der Raum für die kirchliche Inszenierung und den großen Auftritt, das Haus für die Wallfahrt mit vielen Menschen. Hier wird gesungen und gebetet, hier herrscht Leben und Trubel, ein Gehen und Kommen, wenn Tausende das Ziel ihrer Pilgerreise erreichen. Das Haus der Stille als Weg in die eigene Mitte Zwei schlichte Betonblöcke, von einer Art Schlucht getrennt, die von vier verglasten Brücken überquert wird, liegen parallel zueinander an einem Hang. Ein Haus von massiver Geschlossenheit, gleichzeitig zur Rückseite mit Blick auf eine Apfelbaumwiese und weidende Kühe, ein Haus des Ausblicks. Der Meditationsraum ist zwei Geschosse hoch und öffnet sich voll auf dieses bukolische Ambiente. Die Kapelle dagegen ist ein nur durch ein schmales Fenster erhellter Andachtsraum, in dem stärker als in jedem anderen Teil des Hauses der eigene Körper als Zentrum der Stille erlebt wird. So wie die Mönche sagen, dass Leben in der Enge des Klosters bedeutet, in die Tiefe gehen zu müssen, so konzentriert sich dieser karg-schöne Raum mit seinem hohen minimalistischen Kreuz aus Edelstahl ganz nach innen. Es ist ein suggestiver Raum, wie ihn ähnlich bei ihren Kirchen und Klöstern schon Tadao Ando und Luis Barragan entworfen haben. Ingeborg Flagge |





