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ReportageDas Jüdische Gemeindezentrum in DuisburgUnvollkommenheit als PlanSeit 1999 verfügt die Jüdische Gemeinde Duisburg – Mülheim/Ruhr – Oberhausen wieder über ein eigenes Zentrum. Der Sichtbetonbau prägt maßgeblich das neue Quartier am Duisburger Innenhafen. Uns interessierte: Welche Eindrücke erwirkt das skulpturale Gebäude – als Denkmal und gelebter Ort der Begegnung – in dieser Umgebung? Im normalen Wortgebrauch, aber auch in der einschlägigen Gesetzgebung wird ein Gebäude zum Denkmal, wenn es seine Epoche repräsentativ vertritt und diese Epoche mindestens mehrere Jahrzehnte, am besten aber viele Jahrhunderte zurückliegt. Aber schon hier kann das 1999 am Binnenhafen in Duisburg fertig gestellte Jüdische Gemeindezentrum zur Begriffsverwirrung der produktiven Art beitragen: denn ein Denkmal ist es aus verschiedenen Gründen schon heute und war vermutlich auch als solches gedacht und gebaut. Dies muss eigens betont werden, denn dem vom Architekten Zvi Hecker errichteten Gebäudekomplex sieht man ganz besonders an, dass zuerst gedacht und dann gebaut wurde. Wohlgemerkt: wirklich gedacht und nicht nur gerechnet und geplant. Das Gebaute ist das Gedachte. Hier meint das Gedachte den Fundus der jüdischen Tradition. In vielleicht keiner Religion ist die Lehre so verwoben mit den historischen Erfahrungen der Religionsgruppe wie im Judentum. Aber es geht Hecker noch um etwas anderes, nämlich die Seele des Menschen. Eine ihm wichtige Maxime lautet: „Architecture is an art in search of ever new expression of the human soul. It is a human art, but never human enough.“ Der Nachsatz klingt schon wie eine Mahnung: Architektur kann sich gar nicht stark genug auf den Ausdruck der menschlichen Seele beziehen. Verlorene kultische Heimat Die Zahl der in Duisburg lebenden Juden war im letzten Drittel des vorletzten und im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts stark angestiegen. 1930 lebten dort 3176 Juden. Sie konnten die 1875 errichtete Synagoge in der Junkernstraße nutzen. Das jüdische Leben darf man sich zu jener Zeit als florierend vorstellen: 1931 gab es in Duisburg 30 jüdische Organisationen und Verbände. Schon sehr schnell nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten begannen antisemitische Ausschreitungen und Willkürakte. Am 23. März 1933 wird der Rabbiner der chassidischen Gemeinde, Mordechai Bereisch, schwer misshandelt und von einer tausendköpfigen Menge durch die Straßen Duisburgs gehetzt. Die Tortur dieses Mannes ist der erste Fall einer öffentlichen Misshandlung eines Juden in Deutschland. Sie wird auch außerhalb Deutschlands wahrgenommen, was ein Grund dafür ist, dass Bereisch, knapp dem Tode entkommen, ins Ausland flüchten konnte. Am 1. April wird zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Bereits an diesem Tag zählt Duisburg nur noch 1805 Juden. Am 10. November 1938 setzten die Nationalsozialisten die Duisburger Synagoge in Brand. Ab Oktober 1941 werden die Duisburger Juden systematisch in Konzentrationslager gebracht. 1942 wird der Rabbiner Manass Neumark mit anderen Duisburger Juden nach Theresienstadt deportiert. Man muss die vorangegangenen Katastrophen wohl nicht mehr eigens nennen, wenn man feststellt, dass 1955, als sich die jüdischen Gemeinden Duisburgs, Oberhausens und Mülheims zusammenschlossen, die Gemeinden zusammen nur noch 83 Mitglieder aufwiesen. Als es in jener Zeit um die Neuerrichtung einer Synagoge ging, kamen dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein-Westfalen, Julius Dreifuß, schwere Bedenken: „Das ganze Unternehmen kommt mir vor wie das Geschenk eines Cadillac an einen armen Mann, der die Kosten für das Benzin, um den Cadillac zu fahren, niemals aufbringen kann.“ Von Überalterung und dem Fehlen der Jugend war die Rede. 1989 begann aufgrund der liberalisierten Zustände in der damaligen Sowjetunion ein mächtiger Zuzug russischer Juden, denen die Ausübung ihrer Religion zuvor über viele Jahrzehnte schwer gemacht worden war. Die Zahl der Juden im südlichen Ruhrgebiet vervielfachte sich. Heute hat die Jüdische Gemeinde Duisburg – Mülheim/Ruhr – Oberhausen fast 3000 Mitglieder. Erste Pläne für ein neues Gemeindezentrum Seit den frühen 1990er Jahren wurde darüber nachgedacht, wie man der neuen Situation gerecht werden könne. Auch wenn nicht alle übergesiedelten Juden allwöchentlich den Gottesdienst zum Sabbat besuchen, herrschte eine Raumnot – nicht nur für den Sabbatgottesdienst, sondern auch für die jüdischen Hochfeste und für regelmäßige alltägliche Veranstaltungen sowie soziale Aktivitäten. In den frühen 1990er Jahren wurde eine Idee geboren, die der Raumnot abhelfen könnte. Die Jüdische Gemeinde fand Unterstützung im Land Nordrhein-Westfalen, in den Städten Oberhausen, Duisburg und Mühlheim. Schließlich gab es eine von allen Seiten als gelungen empfundene Einigung: Die drei Städte, das Land Nordrhein- Westfalen und die Jüdische Gemeinde zeigten sich willens, mit Unterstützung der christlichen Kirchen ein neues Gemeindezentrum in Duisburg zu finanzieren. Zudem stellte die Stadt Duisburg ein Grundstück in erst heute prominenter Lage zur Verfügung: am Innenhafen, der nicht mehr recht genutzt und völlig verkommen war. „Es war damals alles wie die Bronx“, erzählt Michael Rubinstein, Geschäftsführer des Jüdischen Zentrums. Diese Lage sei, so Rubinstein, heute wohl gar nicht mehr zu bezahlen. Als die Finanzierung weitgehend gesichert war, lud man sieben international bekannte Architekten zu einem Wettbewerb ein. Schließlich gewann derEntwurf Zvi Heckers vor demjenigen Daniel Libeskinds. Heckers Entwurf wurde verwirklicht. Aber was heißt Verwirklichung? Wenn ich heute, neun Jahre nach seiner Fertigstellung, auf das Bauwerk blicke, sehe ich, dass der Beton sich auch selbst verwirklicht, wenn der Architekt ihm nur die Freiheit lässt. Diese Selbstverwirklichung des Betons wird manchen Besucher erst einmal enttäuschen. Doch der Reihe nach. Symbolgesättigte Architektur Wir nähern uns dem Gebäude über einen „Park der Erinnerung“ an einem frühherbstlichen Tag. Auf den ersten Blick weiß man nicht ganz genau zu trennen zwischen einem Gebäude und einer Skulptur. Es ist beides. Die Nutzräume fallen zuerst kaum auf, vielmehr geraten fünf von einem Zentrum ausgreifende Betonkonstruktionen in den Blick. Sie sind ca. 10 m hoch und bis zu 35 Meter lang und wirken gleichzeitig monumental aber auch luftig und leicht. Auch wenn ich mich über den gewollten Symbolgehalt vorher nicht informiert hätte, wären mir fünf aufgeschlagene Buchseiten als Deutung eingefallen – und hätte damit in der Verständnisrichtung des Architekten gelegen. Das Judentum ist, hier dem Christentum ähnlich, eine Buchreligion. Der Architekt Zvi Hecker lässt die Besucher durch die „Seiten“ hindurchgehen, im übertragenen Sinn sind die Seiten durchlässig, „durchlesbar“. Sie symbolisieren den Pentateuch, die ersten fünf Bücher des Moses. Sie symbolisieren aber auch die ersten fünf Buchstaben des hebräischen Alphabets. Als solche verweisen sie auf Begebenheiten, die für das Judentum in Duisburg wichtig waren: die erste urkundliche Nennung eines Juden in Duisburg im 12. Jahrhundert, die Einrichtung eines Betraumes im Jahr 1793, die ständige Einrichtung einer Synagoge in der Duisburger Universitätsstraße, den Bau einer Synagoge im Jahre 1875 und ihre Zerstörung 1938 – eine Achse verweist auf die zerstörte Synagoge – und schließlich selbstbezüglich die Errichtung der neuen Synagoge mit einem Gemeindezentrum im Jahre 1999. Zu denken ist, zumal in der Luftansicht, auch an eine ausgestreckte Hand. Nachum T. Gidal schreibt in seinem Buch „Die Juden in Deutschland“, dass ein Mangel an eigener Schöpfungskraft die deutsche Architektur bis ins 20. Jahrhundert beherrscht habe. Dies habe auch für jüdische Synagogen gegolten, die teilweise wie christliche Kirchen anmuteten und manchmal noch mit maurischen Elementen versetzt wurden. Die Architekten waren zumeist nichtjüdische Deutsche. Dies wäre, auch wenn es im 20. Jahrhundert die Shoah nicht gegeben hätte, nicht immer so weitergegangen. Aber nach den Katastrophen zwischen 1933 und 1945 musste, zumindest langfristig, neu und damit anders gebaut werden – so wie es in den letzten 20 Jahren Architekten wie Libeskind und Hecker taten. Michael Rubinstein, Jahrgang 1972, ist diese Symbolik wichtig. Die Jüdische Gemeinde sei offen auch für nichtjüdische Deutsche. Der große Festsaal wird zu günstigen Preisen auch vermietet. Gekocht wird – auch für Nichtjuden – koscher. Zvi Heckers Gebäudekomplex kommt zwar nicht ohne Polizeischutz und andere Sicherheitsvorkehrungen, aber vollständig ohne Mauer und Stacheldraht aus. Den russischen Juden, deren kräftiger Zuzug Anlass für den Neubau des Jüdischen Gemeindezentrums in Duisburg gab, war, wie Rubinstein berichtet, das neue Gemeindezentrum zuweilen etwas zu herb und modern, „zu wenig plüschig“, wie er es formuliert. Die fünf „Seiten“ aus Beton ragen in das Gebäudeinnere hinein und ergreifen auch jene Teile, die mit verputzten Ziegelsteinen und Holzverkleidung ausgestattet sind. Nur wenige Räume sind im traditionellen Sinne symmetrisch. Die Flure wirken eher wie ein Labyrinth. Die mit rötlichem Jerusalem-Stein ausgestattete Synagoge im eigentlichen Sinne entgrenzt den Davidstern auf so unsymmetrische Weise, dass man dessen sechs Ecken neu suchen muss. Diese dekonstruktive Art des Bau-Denkens wie auch die fünf aufgeschlagenen Betonseiten symbolisierten, so Rubinstein, die Unvollkommenheit des Judentums seit der zweiten Tempelzerstörung in Jerusalem durch römische Soldaten im Jahre 70 nach Christus. Gewollt hatte der Architekt aber vermutlich auch, dass der Sichtbeton verwittert. Der Bau ist selber fast Liturgie und ruft zur Erinnerung auf. Die Shoah wird nicht eigens architektonisch behandelt, was auch nur schwer möglich wäre. Doch herrscht an diesem symbolgesättigten Ort bei aller Offenheit auch eine gewisse Melancholie, die entsteht, wenn an einem heiligen Ort auch des Unheils gedacht wird. Es geht, im Sinne des obigen Zitats, nicht nur um die Seele der Juden, sondern um die seelische Beeindruckbarkeit all derjenigen, die im konkreten Moment hier stehen und sehen. Martin Thoemmes |





