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PatinaAuch fast 50 Jahre nach ihrer Entstehung beeindrucken zwei Mannheimer KirchenKraftvoll und poetischDie Trinitatiskirche und die Kirche auf der Blumenau, beide entworfen von Helmut Striffler, entstanden kurz hintereinander. Die Bauten variieren die Themen „Beton“ und „Licht“ auf eigenständige und bis heute überzeugende Weise. Wir haben die Gotteshäuser besucht, um ihrer Faszination nachzuspüren. Ein wolkenverhangener Samstag Ende September. Ich bin auf dem Weg nach Mannheim, zu einem der wichtigsten deutschen Architekten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Helmut Striffler, Jahrgang 1927, ist seit 1956 mit eigenem Büro in Baden-Württembergs zweitgrößter Stadt ansässig; seine Kirchenbauten der Fünfziger und Sechziger Jahre gehören in ihrer kraftvollen, beinahe spröden Poesie zum Besten, was in jener Zeit in Deutschland gebaut wurde. Striffler, dessen Bauten zum größten Teil in und um Mannheim stehen, hat Baugeschichte geschrieben, auch wenn er, wie Ingeborg Flagge schreibt, „sich eher im Hintergrund als im Rampenlicht des aktuellen Architekturdiskurses aufhält“: Seine Evangelische Versöhnungskirche auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau, 1964 – 1967 entstanden und fast komplett in Sichtbeton realisiert, ist eine bis heute gültige Antwort auf die beinah unmöglich zu lösende Entwurfsaufgabe „Kirche zur Versöhnung im Angesicht der Greueltaten des Nationalsozialismus“. Für den britischen Architekturhistoriker Peter Blundell Jones ist diese Kirche einer von 18 Schlüsselbauten der späten Moderne, in seinem 2007 erschienenen Buch „Modern Architecture through Case Studies 1945 – 1990“ stellt er sie in eine Reihe mit Günter Behnischs Olympiakomplex oder dem Centre Pompidou von Renzo Piano und Richard Rogers. Die Kraft und Poesie der Versöhnungskirche ist zu einem guten Teil dem verwendeten Material Beton geschuldet. Und natürlich gibt es Vorgängerbauten, an und mit denen der damals noch junge Architekt den Umgang mit dem „Baustoff des 20. Jahrhunderts“ und dessen Raumwirkungen studiert hat. Zwei davon, die Trinitatiskirche von 1959 in der Mannheimer Innenstadt und die 1960 entstandene Kirche auf der Blumenau (einem Mannheimer Vorort), will ich gemeinsam mit Striffler besuchen und nachsehen, was aus den beiden inzwischen unter Denkmalschutz stehenden Gotteshäusern geworden ist. Egon Eiermanns Matthäuskirche als erste Herausforderung Ich hole den Architekten in seinem Büro ab, das natürlich auch in einem Striffler-Bau untergebracht ist. Dort und auf dem Weg in die Stadt erzählt er mir, wie es zum Entwurf der Trinitatiskirche und der deutlich kleineren Blumenau-Kirche kam. Striffler hatte 1945, gerade 18 Jahre alt, bereits zwei Jahre als Luftwaffenhelfer und Soldat hinter sich. Diese im wahrsten Sinne des Wortes existenzielle Kriegserfahrung prägt sein Leben und seine Architektur bis heute. „Man kann und darf sich nie sicher sein, muss bei jeder Aufgabe immer ganz von vorne anfangen und alles radikal in Frage stellen!“ Radikal – dieses Wort sollte noch häufiger vorkommen an diesem Samstag. Striffler holte das Abitur nach, machte eine Maurer- und Bauzeichnerlehre und begann schließlich mit dem Architekturstudium an der Technischen Hochschule Karlsruhe. Schon als Student geriet Striffler ins Büro der Karlsruher Ikone Egon Eiermann. Dort waren seine praktischen Kenntnisse selbst bei Eiermann bald gefragt; Striffler betreute schließlich den Bau der 1953 fertig gestellten Matthäuskirche in Pforzheim. Die Sakralität dieser strengen Kirche mit ihrem schlichten Satteldach-Baukörper und dem freigestellten Turm fand ihren Ausdruck in den mit buntem Glas gefüllten Wabenfenstern, die das einfache Betonskelett in strengem Raster füllten: ein Entwurf, der ungeahnte konstruktive Probleme mit sich brachte, die Striffler nach und nach lösen konnte. Beton, Licht und Farben als prägende Elemente der Trinitatiskriche Diese Erfahrung brachte dem knapp 30-Jährigen, inzwischen selbst Diplom-Ingenieur, 1956 den Auftrag, mit dem er sich selbstständig machte. Die Trinitatiskirche sollte nach dem Willen der evangelischen Kirchengemeinde dort, wo eine im Krieg zerstörte Barockkirche gestanden hatte, neu und „modern“ entstehen. Allein Licht und seine Farben sollten den prägenden Schmuck für den Raum erzeugen. Gemeinsam fuhr man nach Frankreich und besuchte die berühmte Kathedrale von Chartres und Le Corbusiers erst kurz zuvor fertig gestellte Kapelle „Notre Dame du Haut“ in Ronchamp. Strifflers Entwurf für die Trinitatiskirche entwickelte schließlich das Konzept der einfacheren und kargeren Matthäuskirche weiter. Satteldach, Betonskelett und freigestellter Turm wurden beibehalten, doch schon der Grundriss löste sich vom schlichten Rechteck. Und wo in Pforzheim das regelmäßige Raster der Waben außen und innen dominierte, verschwindet das ebenso strenge Raster der dickglasgefüllten Betonformsteine im Inneren der Mannheimer Kirche vollständig. Sie alle sind individuell gestaltet und hergestellt, in sie sind nach dem Entwurf des Malers Emil Kiess unterschiedlich große Farbglaselemente eingegossen. Für die Ausführung hatte Striffler in Chartres die Werkstatt von Gabriel Loire gefunden, die schließlich diese Elemente herstellte – und auf seine Vermittlung hin kurze Zeit später auch die farbigen Gläser für „Egons“ Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin fertigte. In der Innenstadt angekommen, umrunden wir die Kirche und Striffler erzählt von den vor ein paar Jahren vorgenommenen Reparaturmaßnahmen am Turm, die –wie Flicken auf einer Jacke – deutlich sichtbar sind. Er habe lange diskutieren und hart kämpfen müssen, um Verständnis für seine Haltung zu bekommen. „Auch ein Haus hat seine Geschichte, die man sehen darf. Warum ein neues Kleid nähen, wenn das alte, sauber geflickt, noch lange gut ist?“ Inzwischen steht die Trinitatiskirche leider leer, der Gemeinde ist sie zu groß geworden und es wird nach neuen Nutzungsmöglichkeiten gesucht. Durch eine Seitentür betreten wir den Innenraum und ich bin sofort gefangengenommen vom farbigen Licht, das an gotische Kirchen erinnert. Außen wirken die Bausteine mit dem eingegossenen Glas flächig, innen jedoch entwickelt sich ein meditativer Raum von großer Weite und Stille, der seine sakrale Wirkung sofort und unmittelbar entfaltet. Nur noch Gold kann die Betonoberfläche aufwerten Wir machen uns auf den Weg zum zweiten Ziel, zur Kirche auf der Blumenau. Nur kurz nach der Trinitatiskirche fertiggestellt, weist das sehr viel kleinere Gotteshaus vor den Toren Mannheims die Entwicklung hin zur freieren Formensprache der Versöhnungskirche. Auf der Blumenau kombinierte Striffler Kurven und Diagonalen, der komplex-kristallin geformte Innenraum wird von wenigen, sparsam gesetzten Öffnungen erhellt. Es gibt keine Wand und kein Dach im eigentlichen Sinne, die polygonalen Betonflächen, rau geschalt, gehen ineinander über. Gottfried Böhms Wallfahrtskirche in Neviges kommt mir in den Sinn. Kraftvoll und doch ruhig wirkt der Kirchenraum, man spürt unwillkürlich, dass Striffler den Beton als Stein behandelt. Nicht nur die Oberfläche ist ihm wichtig, auch das Schwere, Massive, Raue muss seiner Meinung nach zum Ausdruck kommen: „Mir geht es weniger um eine seidig-glatte Oberfläche, wie sie z. B. Tadao Ando bevorzugt.“ Rechts hinter dem Altar ließ Striffler nach dem Entwurf eines Künstlers einen Teil der Wand vergolden, nur so schien ihm eine weitere Aufwertung der Oberfläche möglich! Durch einen Außenanstrich, der vor einiger Zeit ohne Strifflers Wissen angebracht wurde, ging leider ein Teil der Kraft des Betonbaukörpers verloren. Doch im Inneren kann es der kleine Bau auf der Blumenau noch immer mit weitaus größeren Kirchen aufnehmen. Licht, so kommt es mir auf der Heimfahrt in den Sinn, ist wohl das wichtigste Thema in Helmut Strifflers Architektur. Und er liebt Materialien, die in Würde altern können. Kein Wunder, dass der Beton ihm so wichtig ist. Christof Bodenbach Buchtipp: |




