Reportage
Sichtbeton für das Wilhelm-Busch-Gymnasium
Wie Schülerinnen und Schüler in Stadthagen den Raum erleben, in dem sie leben und lernen.
Das Wilhelm-Busch-Gymnasium in Stadthagen wurde im Herbst 2007 von Axel Nieberg umgebaut und erweitert. Unter anderem wurden eine Cafeteria mit Atrium und eine Pausenhalle geschaffen – beide aus Sichtbeton. Uns interessierte: wie lebt und lernt es sich in einer solchen Umgebung?
„Ich find’ unsere neue Aula richtig gut“, sagt die Siebtklässlerin Lisa, die mit ihren Freundinnen in einer Ecke neben der Bühne auf dem Boden hockt und über Jungs diskutiert. „Nur die Löcher in der Wand finde ich komisch“, fügt sie hinzu und deutet auf die Vertiefungen, die von der Schalung im Sichtbeton zurückgeblieben sind. Nein, schlimm seien die auch nicht, aber sie wisse halt nicht, warum die da sind, und man hätte sie ja auch zuspachteln können. Doch eigentlich zählen für sie und ihre Freundinnen wie für die meisten Schüler der Klassen 5 bis 8 vor allem praktische Argumente. „Man kann hier wirklich gut sitzen“, sagt Elena, „der Boden ist schön warm und die Wand angenehm kühl.“ Und außerdem könne man durch die großen Scheiben prima sehen, wer draußen rumläuft. So lassen sich die neuen Outfits der anderen Mädchen kritisch kommentieren und den Jungs kann man auch ausgezeichnet hinterherschauen. Dass die angenehme Temperatur des Terrazzobodens von einer Fußbodenheizung herrührt, weiß die Dreizehnjährige, weil sie beobachtet hat, wie die in der Bauphase verlegt wurde. „Unglaublich viele Schläuche haben die hier reingelegt.“ Der Hannoveraner Architekt Axel Nieberg hatte den Auftrag bekommen, die beiden Altbauteile des Wilhelm-Busch-Gymnasiums aus den 70er-Jahren durch einen neuen, vergrößerten Pausenbereich zu verbinden. Keine leichte Aufgabe, da der eine Baukörper noch die originale Waschbeton-Fassade aufweist, der andere aber im Zuge einer Geschossaufstockung mit graublauen Platten verkleidet worden war. Da eine schlichte optische Vermittlung kaum möglich erschien, entschied sich Nieberg, das verbindende Element in beiden Gebäudeteilen, das er in dem Stützenraster der Stahlbetonskelettbauten fand, hervorzuheben und fortzuführen. Im gesamten Gebäude wurden die Stützen einheitlich dunkelgrau gestrichen. Die neue Halle folgt dem bestehenden Raster, setzt aber die Leitfarbe nur bei dem umlaufenden Terrazzo-Band ein. Wände, Decke und Pfeiler sind dagegen in sandsteinähnlich eingefärbtem Sichtbeton ausgeführt.
Stammplätze unter der Kassettendecke
Mit dem Pausenklingeln strömen die Schüler in die Halle. Zielstrebig versammeln sich Grüppchen von vier bis fünf Kindern zwischen den einzelnen Pfeilern. „Das hier ist unser Stammplatz“, erzählt Armin aus der fünften Klasse, „fast unsere ganze Klasse sitzt hier – also ich meine natürlich nur die Jungs, die Mädchen sitzen eher da hinten!“ Die Plätze zwischen den Pfeilern und gegenüber an den großen Fensterflächen sind offensichtlich begehrt und meist durch Gewohnheitsrecht reserviert. Der freie Platz in der Mitte der Halle dient zum Spielen, Herumrennen, Sich-Anbrüllen und für alle anderen Aktivitäten, die Platz brauchen und Lärm machen. Dennoch wird es in der Halle kaum unangenehm laut, da die kassettierte Decke die Schallausbreitung erheblich mildert. „Nein“, sagt Ariane, eine Schülerin aus der Oberstufe, „wir sind da nie“ und bestätigt damit den Eindruck der gerade zu Ende gegangenen Pause. Die Schüler der höheren Klassen halten sich eher nicht im neuen Anbau auf, sondern bevorzugen weiterhin die alte Pausenhalle. „Da gibt es doch überhaupt keine Sitzmöglichkeiten“, lautet die Begründung. Die Frage, wie ihr der Neubau gefalle, löst einen Schwall der Entrüstung aus. Klobig, kalt und schwer sind die Adjektive, die sie benutzt. „Man hätte das ja wirklich irgendwie bunt machen können.“ Wie das aussehen könnte, was für eine Farbe hätte die Halle bekommen sollen, wenn es nach ihr gegangen wäre? Da fällt ihr für den Moment nichts ein, man müsse darüber nachdenken, aber freundlicher solle es im Resultat auf jeden Fall wirken. Dass die orangefarbenen Paneele in den verglasten Kassetten der Decke das Licht in der Halle immer etwas sonniger erscheinen lassen, als es tatsächlich ist, findet sie nicht ausreichend. Auch sonst stößt die Gestaltung der Halle bei vielen Schülern der elften und zwölften Klasse eher auf Ablehnung. Dabei sind die Urteile durchaus differenziert. Das häufigste Argument: Die sandsteingelbe Farbe passe nicht zu den vorhandenen Gebäuden. In der alten Pausenhalle sind Wände und Decke weiß gestrichen und werden von den Pfeilern und dem Fußboden in Anthrazit kontrastiert. Eine andere Schülerin findet die Halle „dreckig“. Erst durch Nachfrage wird klar, dass dieser Eindruck ausschließlich von der Dachverglasung verursacht wird. Auf der haben sich Blätter angesammelt und man erkennt einen alten Tafelschwamm, der aus irgendeinem Fenster geworfen wurde. Offensichtlich steht der jährliche Frühjahrsputz erst noch bevor.
Lehren und Lernen im „Tempel“
„Als ich hier stand und der Rohbau gerade fertig war“, erinnert sich Schulleiter Heiko Knechtel, „habe ich gedacht: Mensch, das ist ja gar keine Aula, das sieht ja aus wie eine Kunsthalle!“ Ein Eindruck, der vor allem durch die hochwertigen Materialien und deren äußerst sorgfältige Verarbeitung hervorgerufen wird. Der Bau wurde komplett in Ortbeton ausgeführt – gerade auch wegen der Kassettierung der Decke ein komplexes Unterfangen. Die Färbung des Sichtbetons orientiert sich am Sandstein, der für die Region typisch ist. Verwendet wurde ein selbstverdichtender Beton, also ein Beton, der aufgrund seiner hervorragenden Fließeigenschaften ohne das übliche Rütteln allein durch die Wirkung der Schwerkraft entlüftet. Dieser ermöglicht weitgehend porenfreie Oberflächen und kann zudem äußerst geräuscharm hergestellt werden. Doch nicht nur die Materialien, auch das strenge Raster der Pfeilerreihen, die ein wenig an einen Tempel denken lassen, weckt Assoziationen. Unangemessen findet Knechtel den Vergleich mit einem Kulturbau allerdings keineswegs, schließlich habe das Wilhelm-Busch-Gymnasium einen starken Kunst- und Musikzweig. Dementsprechend ist die Pausenhalle, von der er lieber als „Aula“ spricht, gezielt multifunktional angelegt. Eine niedrige Bühne steht für Konzerte und Theateraufführungen zur Verfügung. Im Boden sind Schaukästen eingelassen. Der Raum kann vollständig verdunkelt und die komplette Technik über drahtlose Internetverbindungen gesteuert werden. Den Stolz auf „seine“ neue Schule versucht Knechtel gar nicht erst zu verbergen. Zumal sich der Bau auch wirtschaftlich bald bezahlt machen könnte, da bereits einige externe Anfragen für die Anmietung vorliegen. Finanziert wurden die Baumaßnahmen in wesentlichen Teilen durch Bundesmittel zum Ausbau der Ganz tagsbetreuung an Schulen. Bereits seit 1995 ist das Wilhelm-Busch-Gymna sium in der ländlichen, gut zwanzigtausend Einwohner starken Gemeinde als Ganztagsschule ausgerichtet. Ein Angebot, das besonders für den erheblichen Anteil an Fahrschülern attraktiv ist. Durch die neue Aula wurde in der ehemaligen Pausenhalle Raum geschaffen für einen Freizeitraum mit Kicker und Billardtisch und das selbstverwaltete Schülercafé, das vorher in einem Kellerraum des Altbaus untergebracht war. Bei der Gestaltung des Cafétresens arbeitete der Architekt Nie berg direkt mit den Schülern zusammen und setzte deren Wünsche in seinem Entwurf um. „Das wussten die Schüler durchaus zu würdigen, weil sie merkten, dass sie hier ernst genommen wurden“, erzählt der pädagogische Mitarbeiter Christoph Hübener, der für die Nachmittagsangebote zuständig ist. Er hofft, dass die neue Aula als ein Baustein zur weiteren Identifikation der Schüler mit ihrem Gymnasium beiträgt. Hübener übersetzt W(ilhelm)-B(usch)-G(ymnasium) mit „Wert - schätzung, Bildung, Geborgenheit” und bringt so die wichtigsten Ziele der Schularbeit noch einmal griffig auf den Punkt.
Wertschätzung braucht Vermittlung
Zumindest bei den jüngeren Schülern, die die Halle heute wegen ihres hohen Gebrauchswertes schätzen, sollte das dauerhaft funktionieren. Den Schülern der Oberstufe, die von der langen Bauphase betroffen waren und heute die Halle nur als Durchgangsbereich nutzen, scheint es hingegen schwerer zu fallen. Irgendwo zwischen Gleichgültigkeit und einer diffusen Ablehnung schwankt hier das Stimmungsbild. Woran liegt das? Der Hinweis auf die allgemeine Neigung zu Kritik und Ablehnung im frühen Erwachsenenalter greift sicher zu kurz. Das zeigen allein schon die zum Teil recht differenzierten Äußerungen der Schüler. Möglicherweise hätte durch eine intensivere Vermittlung des Entwurfs- und Bauprozesses mehr Akzeptanz und Interesse erzeugt werden können. Während der Architekt Nieberg im Lehrerkollegium seinen Entwurf umfassend erläuterte, wurde die Chance, den Schülern das Thema zeitgenössische Architektur anhand eines Beispiels, von dem sie unmittelbar betroffen sind, nahe zu bringen, von der Schule nicht vollständig genutzt. Sicherlich wäre es interessant und nützlich gewesen,einen technisch wie ästhetisch so anspruchsvollen Entwurf im Kunstunterricht oder durch zusätzliche Angebote zu begleiten, zumal der direkte Austausch zwischen Schülern und Architekten sich im Falle des Cafébereiches als äußerst fruchtbar erwiesen hat. Das Stadthagener Wilhelm-Busch-Gymnasium zeigt wunder schön, dass Architektur nicht nur in Form gebrachter Beton ist, sondern den Rahmen für eine Vielfalt von Sichtweisen und Aneignungsmöglichkeiten bietet, die im Resultat ein reichhaltigeres Bildungserlebnis ermöglichen: Eine Aufforderung zum kontinuierlichen Dialog.
Honke Rambow, Riklef Rambow