Ansicht der HFG

Foto: Silke Schwarz, Stadtarchiv Ulm

Detailansichen

Fotos: Michael Kasiske


Patina

Die Schönheit des Unveredelten

Seit über 50 Jahren fasziniert die Hochschule für Gestaltung in Ulm.

Die Hochschule für Gestaltung auf dem Ulmer „Oberen Kuhberg“ gehört zu den großen Legenden des Bildungsbaus in Deutschland. Als einer der ersten Stahlbeton-Skelett-Bauten   überhaupt, entworfen von Max Bill, wurde sie 1955 mit einer Rede von Walter Gropius feierlich eröffnet. Nach Schließung der HfG im Jahr 1968 werden die Gebäude heute von der Universität Ulm genutzt. Wir haben nachgeschaut, was heute aus dieser Legende geworden ist.

Meine Ankunft fällt auf einen Februarabend. Im Dunkel liegt vor mir die einstige Hochschule für Gestaltung, kurz HfG genannt. Auf dem Weg zur Atelierwohnung, in der ich übernachten werde, überrascht mich das spärlich beleuchtete Gebäude durch die erfrischende Laxheit seiner Formen. Der Bau ist Zeugnis eines frühen Neuanfangs des Bildungswesens im  Nachkriegsdeutschland – die HfG selbst ist heute, vierzig Jahre nach ihrer Schließung, zur  Legende geworden.

In der Wohnung wirkt die Treppe nicht, als sei sie über ein halbes Jahrhundert alt, ebenso wenig der Sichtbeton allenthalben. Ist es die Kargheit, das Direkte und Schnörkellose? Was irritiert das Wissen um das Alter des Gebäudes? Die Fensterbank aus Beton zeugt von langjährigem Gebrauch, könnte jedoch auch aus den 1970er Jahren stammen. An der Decke bemerke ich erleichtert die durch Anstriche gerundeten Kanten der Betonfertigteile – das Gebäude ist authentisch. Im Sonnenlicht des nächsten Tages dominieren die klaren Formen. Die Gebäudestruktur besteht aus Beton „as found“: Unbehandelt und mit den  offensichtlichen Spuren der Schalung. Bar jeder Verkleidung tritt die rohe Materie mit der ganzen Wucht ihrer Solidität unmittelbar zutage. Aber entgegen der Deutlichkeit im Detail entzieht sich der weitläufige Komplex einer Gesamtansicht. Hinter der ersten Ecke zeigt der Bau dann seine grandiose Seite: Am Hang terrassierte scharfkantige Baukörper, deren flächenbündig konstruierte Tragwerke und Fenster die kubische Erscheinung steigern. Hier befindet sich zwischen den höher liegenden Lehr- und Werkstatttrakten, den Hörsälen und der Mensa der Haupteingang. Das Vordach hebt ihn aus der seriellen Formation der Stützen heraus. Den Hang weiter nach oben steigend erinnere ich mich an das Bild von Max Bill, wie er 1950 neben seinem Bentley steht und das Baugelände betrachtet. Damals lag die nächste Tramhaltestelle 15 Minuten Fußweg entfernt. Inzwischen ist die Stadt nahe und der Bus hat hier seine Endstation. Erst weiter oben, bei der Anlieferung, wird mir  die städtische Randlage des Gebäudes bewusst, ebenso wie seine Fremdartigkeit in dieser  Umgebung – wenngleich es durch Büsche und Bäume unverrückbar eingewachsen ist.

Die Ästhetik der Askese ist mitreißend. Ich gehe vorbei an den hohen Fenstern, durch die das Licht in die früheren Werkstätten fällt, die heute, in kleinere Einheiten geteilt, als Tagesklinik und Seminarräume der Medizinischen Fakultät genutzt werden. Oben auf dem Hang stehend  erschließt sich die aufsteigende Staffelung der Wohn- und Schultrakte. Der das ganze Blickfeld einnehmende Skelettbau gibt sich spröde und unprätentiös. Gewiss, die Spuren des Alters sind deutlich: Die Oberflächen der Wege sind ausgewaschen, Stufen und Stützmauern sind bemoost. Aber diese Spuren des Alters steigern noch das Stakkato der makellosen Pfeiler und Balken, deren Ecken mit kleinen Profilen feinsinnig abgekantet wurden. Ihre nüchterne Ausstrahlung entspricht Bills Orientierung an rein utilitaristischen Bauten wie Brücken, Fördertürmen und Silos. Sein künstlerischer Selbstausdruck war die Verneinung eines solchen. Oder anders gesagt: Die Reduktion auf das Konkrete als Konsequenz eines programmatischen Vorgehens. Dieser Ansatz hat in einigen Bauten, etwa von Herzog de Meuron, eine Nachfolge gefunden. Aber er hatte auch einen Vorläufer: Hannes Meyers Gewerkschaftsschule bei Bernau. „Dieser Schulbau ist ein Bau des Lebens, nicht der Kunst“, so die Feststellung ihres Schöpfer und ehemaligen Bauhauslehrers. Sie gilt auch für den Bau seines Studenten Bill. Hier wie dort erhalten die Gebäude ihren ästhetischen Reiz sichtlich aus der Verschmelzung von topografischer Lage mit strikter Funktionalität.

In Ulm  beeindrucken, insbesondere in den offenen Gängen, die unverhüllten  Betonoberflächen. Anders als Stahlbauten, die nach unzähligen Anstrichen ihre konstruktive Aus strahlung einbüßen, lassen die Stützen und Balken, sogar die gestrichenen Decken aus vorgefertigten Betonplatten kein Abweichen vom bloßen Gebrauchswert erkennen, wiewohl  er zuweilen erfunden ist: Manche Stütze etwa ist statisch nicht erforderlich, das  Studentenhochhaus in weiten Teilen gemauert. Entgegen dem puren Äußeren enttäuschen jedoch die ehemaligen Schulräume der HfG. Die Holzverkleidungen sind abgenutzt, einst große Raumzusammenhänge zerteilt. Lediglich die Mensa mit ihrem schlängelnden Tresen, dem einzigen Kontrast zur orthogonalen Struktur, verströmt Großzügigkeit. Gleiches gilt für die so genannte „Säge“, eine Treppenkaskade, die aus dem Geländesprung und zwei zueinander verdrehten Baukörpern entwickelt wurde. Unabhängig vom Zustand der HfG sticht in allem und bis heute unverdorben die Schönheit des Unveredelten heraus: Die rohen Oberflächen und die offen liegenden Trag- und technische Infrastrukturen, denen das Alter eine eigene Würde verleiht. Hierin spiegelt sich das – ungebrochen aktuelle – Streben der einstigen Hochschule wieder: Die Lehre einer verantwortungsvollen und sinnlichen Formgebung.

Michael Kasiske