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EssayBildungsbauten – Die bedeutendste Nebensache der Weltvon Dieter Bartetzko.Wo erledigen unsere Kinder ihre Hausaufgaben? Die meisten tun dies mangels eigenen Zimmers am Couchtisch oder im Winkel der Küche. Unwürdige Zustände. Doch auch die Situation derer mit eigenem Schreibtisch unterscheidet sich kaum: die Schreibtische quellen, gleich den Kinderzimmern, über. Mit Krimskrams, Kästen, Büchern und Comicheften. Und inmitten des Chaos sitzen die Kinder und arbeiten, je nach Temperament und Strenge der Eltern, lustlos oder eifrig, oberflächlich oder konzentriert. So wie man, jenseits aller konservativen Ideologie, die Familie noch immer als Keimzelle des Staates betrachten kann, verdient es die häusliche Lernsituation, Keimzelle der Bildungsarchitektur genannt zu werden. Diese hat sich offenkundig über Jahrtausende als kreatives Chaos erhalten. Denn alles, was wir vom Unterrichten der Kinder seit der Antike wissen, deutet darauf hin, dass zwar das Übermitteln von Wissen organisiert vonstatten ging, die Orte aber, in denen dies geschah, vom Zufall regiert wurden. Es gibt keine Architektursprache der Bildung Gibt es also – trotz aller Zufälligkeit – überhaupt eine „Architektursprache der Bildung“? Die Antwort ist ein klares Nein. Es lassen sich allenfalls einige Leitmotive ausmachen, die über Generationen hinweg Bauwerke, die der Bildung dienen, geprägt haben. Als da wären: Geräumigkeit, großzügige Belichtung und möglichst funktionelle, verkehrsfreundliche Anordnung von Räumlichkeiten. Daneben, gründend in den antiken Ursprüngen der Architektur von Bildungsstätten, gibt es ein buchstäblich theatralisches Moment der Gestaltung. Ausgehend von den Säulenportiken einerseits sowie den halbkreisförmigen Sitzreihen der Theaterbauten der Antike andererseits, wuchs sich dieses Element spätestens im 19. Jahrhundert zu einem Kunstwollen aus, das uns seither die Bildungs- und Verhaltensideale der jeweiligen Zeitläufe vor Augen stellt. Die Stunde der ausdrücklichen Bildungsbauten schlug mit den bürgerlichen Reformen des 18. und 19. Jahrhunderts. Exemplarisch sind sie in zwei Hauptwerken Karl Friedrich Schinkels vertreten: der Bauakademie und dem Alten Museum in Berlin. Das Museum, geweiht der „Bildung und der Erbauung“ der Gesellschaft, begründet mit seiner der Stoa von Athen nachgebildeten Fassaden-Kolonnade und seiner das Pantheon zitierenden Innenrotunde zwei architektonische Grundmotive, die im Museums- und Universitätsbau für mehr als ein Jahrhundert verbindlich blieben. Die Bauakademie wiederum ist bis in unsere Gegenwart ein Leitbau der Bildung geblieben: Ein schlichter backsteinerner Kubus, der mit seinem Fassadenraster die Stereometrie der Moderne begründet, vereinte die Bauakademie mit ihren rhythmischen zweckmäßigen Fensterbändern, dem inneren Lichthof und der sachgerechten, übersichtlichen Anordnung weitläufiger heller Innenräume sämtliche Grundprinzipien, die bis heute als Grundforderungen an Bildungsbauten gestellt werden. Thomas Mann fasst in seinen „Buddenbrooks“, in denen er das Lübecker Katharineum, jenes (bis heute existierende) wilhelminische Gymnasium, schildert, den Bildungsbau des 19. und teilweise des 20. Jahrhunderts zusammen. „Es war alles neu, reinlich und schön hier in der Anstalt. Der Zeit war ihr Recht geworden, und die grauen und altersmorschen Teile der ehemaligen Klosterschule (…) waren der Erde gleichgemacht, um neue, luftige, prächtige Baulichkeiten an ihrer Stelle erstehen zu lassen. Der Stil des Ganzen war gewahrt worden, und über Korridoren und Kreuzgängen spannten sich feierlich die neogotischen Gewölbe. Was aber die Beleuchtung und Heizung, was die Geräumigkeit und Helligkeit der Klassen, die Behaglichkeit der Lehrerzimmer, die praktische Einrichtung der Säle für Chemie-, Physik- und Zeichenunterricht betraf, so herrschte der vollste Komfort der Neuzeit.“ Trotz dieses Komforts der Neuzeit war das 20. Jahrhundert jedoch auch von zwei Extremen gekennzeichnet: Zum einen von der Pervertierung der Schulen und Universitäten zu Zuchtanstalten während des „Dritten Reichs“. Zum anderen führte der Weg der Architektursprache, ein hoffentlich letztes Mal durchkreuzt vom blindwütigen Brutalismus der Spätmoderne, zum betont demokratischen und pragmatischen Bauen der Bundesrepublik: Schulen als lichte Pavillons, umgeben von weiten Pausenhöfen und ausgestattet mit möglichst perfekten Turnhallen. Und nicht anders die Universitäten: Stellvertretend sei der Wiederaufbau der Frankfurter Goethe-Universität genannt, deren damals als niederschmetternd empfundenes pompös neobarockes Hauptportal in den fünfziger Jahren herausgerissen und durch einen weitgespannten gläsernen Eingang ersetzt wurde. Ein Jahrzehnt später, in den sechziger Jahren, begann dann meine Gymnasialzeit in der Frankfurter „Musterschule“. 1906 als Reformarchitektur, daher der Name, mit lichten Sälen und üppiger Befensterung errichtet, 1944 beschädigt und notdürftig unter Wahrung der alten Raumverhältnisse wiederaufgebaut, rüstete sich die Schule für eine umfassende Sanierung und Erweiterung. Für mich hieß das, mit Erreichen der Mittelstufe in eine – durchaus schmucke – Holzbaracke auf dem Schulhof zu wechseln. Nach meinem Abitur wurde der Alt-Neubau vollendet. Die inneren, lichtdurchfluteten Gänge waren verschwunden, denn die Dreiflügelanlage war zum Kubus ohne Innenhof ergänzt worden. Zugunsten einer Verdoppelung der Flächen war jede Weitläufigkeit aufgegeben worden; Pragmatismus pur. Ungleich rüderen Pragmatismus erlebte ich zu Beginn des Studiums in Frankfurt. Als Student der Kunstgeschichte hielt ich mich überwiegend im „Philosophicum“ auf, einem 10-geschossigen Scheibenbau aus Betonfertigteilen. Alle Stockwerke völlig identisch gestaltet, kahl, zweckmäßig und anonym. Dort saß ich und wütete über „die Unwirtlichkeit unserer Städte“, beschimpfte die Betonkolosse der neuen Massenuniversität Bochum und nahm nicht wahr, dass ich selbst mich in einer solchen aufhielt. Und erst die erste Generation der Sprayer sorgte für wahre Farborgien in dieser Haftanstalt des Geistes. Diese Umschreibung betrifft übrigens nur das architektonische Erscheinungsbild. Denn nichtsdestotrotz hörte ich hier einige der anregendsten Vorlesungen meines Studiums. Was auch für das Kunstgeschichtliche Institut in Marburg gilt, dessen Architektur ich nach dem Wechsel des Studienorts viel hätte abgewinnen müssen, aber nur wenig abgewinnen konnte: Untergebracht im expressionistischen Ernst-von Hülsen-Haus, prunkte das Institut mit neo-neogotischem Zickzack von den Wandgliederungen bis zur originalen Bestuhlung. Aber was ich unter anderen Umständen als Kostbarkeit der klassischen Moderne wahrgenommen hätte, wurde mir unter dem Druck notorischer Überfüllung zum Alptraum. Und heute? Frankfurt rühmt sich, mit dem Gebäude Hans Poelzigs den schönsten Campus der Bundesrepublik zu besitzen. In der Tat: vom erhebenden Außenanblick dieses Palasts der klassischen Moderne bis zu den hellen, dynamisch gekurvten Fluren und den wunderbar proportionierten Seminarräumen mit ihren weiten, auf eine Parklandschaft geöffneten Fenstern bietet die neue geisteswissenschaftliche Universität alles, was man sich von einer Bildungsstätte wünschen kann. Auch die Offenbacher Grundschule, die die beiden jüngsten meiner Kinder besuchen, könnte dergleichen bieten. Sie wurde um die Jahrhundertwende mit verschwenderisch weiten Fluren und majestätischen Treppenaufgängen erbaut, ausgestattet mit hohen Klassenzimmern, deren jedes Fenster die Wandgröße eines durchschnittlichen Kinderzimmers im sozialen Wohnungsbau erreicht. Doch seit Jahren kann diese Schule infolge Finanzknappheit nur von einer notwendigen Sanierung träumen. Meine Kinder fühlen sich trotzdem wohl in dem zerschlissenen Riesenbau. Dennoch hat es meine ältere Tochter besser. Sie besucht das Offenbacher Leibniz-Gymnasium, ebenfalls ein ansprechender Jahrhundertwendebau. Allerdings ist der zwei Strassen weiter gelegene Erweiterungsbau dieses Gymnasiums eine Schreckenskammer des Brutalismus der siebziger und achtziger Jahre. Vor dem betrachtet, was wir uns, unseren Kindern sowie deren Bildung schuldig sind, ist der Bau eine dreidimensionale Bankrotterklärung. Wenige spektakuläre Schulbauten überdecken eine grundsätzliche Misere Aber ich will nicht schwarz malen: In den letzten Jahren waren es oft genug Schulen und Universitäten, die vorbildliche Neubauten hervorgebracht haben: so sei zum Beispiel an Günter Behnischs viel gerühmtes St. Benno-Gymnasium in Dresden, die Universität Potsdam mit dem neuen Hörsaalgebäude von Schagemann Schulte oder den Neubau des Fachbereichs Biologie der Dresdner Universität von Gerber Architekten erinnert. |


