Position
Architektur und pädagogische Konzeption müssen einander beeinflussen
Carl Richard Montag über Pädagogische Architektur
Seit 1998 engagieren sich die Montag Stiftungen erfolgreich für die Schulentwicklung und den Schulbau in Deutschland. Wir fragten ihren Gründer Carl Richard Montag unter anderem zu seinem Verständnis von „Pädagogischer Architektur“.
Herr Montag, Sie haben in den vergangenen zehn Jahren die drei Montag Stiftungen „Urbane Räume“‚ „Jugend und Gesellschaft“ und „Bildende Kunst“ gegründet. Was ist der Zweck dieser Stiftungen?
Zunächst, es gibt neben den drei genannten Stiftungen noch eine vierte Stiftung, die „Carl Richard Montag Förderstiftung“, die mein Vermögen erbt und das Dach bildet, unter dem die drei operativen Stiftungen wirtschaftlich und politisch unabhängig wirken können. Unter diesen Rahmenbedingungen sollen die autonomen Einzelstiftungen in den Veränderungsprozessen in der Praxis vor Ort – vor dem Hintergrund des weltweiten Paradigmenwechsels und einer stark geprägten „Ich Gesellschaft“ – fachkundige Verantwortung übernehmen.
Was waren Ihre persönlichen Motive, die Stiftungen zu gründen?
Wenn man in dieser freiheitlich demokratischen Gesellschaft das Glück hatte, zu leben, zu arbeiten und zu Vermögen zu kommen, hat man in besonderer Weise eine Mitverantwortung für diese Gesellschaft und für ihre Kultur. Alles hat seine Zeit und seinen Ort. Was bleibt, ist die Kraft, die aus der Liebe und dem Verstand kommt. Auf diese Kraft vertraue ich.
Die wirtschaftliche und finanzielle Unabhängigkeit der Stiftungsgruppe bietet den Akteuren der Stiftungen großzügige Handlungsspielräume. Aus diesen heraus sollen gut überlegte praktische Hilfestellungen kommen, die den Mangel an Glaubwürdigkeit und Perspektive in unserer Gesellschaft zu beheben versuchen. Dies erfordert mutiges Eintreten für mehr Menschenwürde und mehr Freude an der Wahrnehmung unserer Chancen, die wir auch heute noch in unserer Gesellschaft haben.
Warum sind Ihnen Städtebau und Architektur so wichtig?
Ich habe in den letzten Jahrzehnten an zahlreichen großen Bauprojekten in urbanen Räumen mitgewirkt und war für deren Planung und Realisierung verantwortlich. Dort habe ich die Bedeutung unserer Lebens-, Arbeits- und Lernräume für das Wohlbefinden der Menschen hautnah erlebt. Der Mensch braucht eine Heimat, in der er sich zu Hause fühlt. Deshalb lohnt sich der Einsatz hierfür.
Welche Ziele verfolgen die Montag Stiftungen mit der Projektreihe „Lebens- und Lernraum Schule: Pädagogische Architektur“, die uns vor dem Hintergrund des Themas „Wissen“ natürlich besonders interessiert?
In unserer Gesellschaft gibt es ein hohes Wissen über das, was wir für eine gegenwartsnahe Bildung und Ausbildung brauchen. Was schwierig ist und auf breiter Front fehlt, ist die Umsetzung der gewonnenen Einsichten in die Praxis. Mit unseren Erfahrungen sowohl im Bereich Pädagogik und Bildung als auch im Bereich Architektur, Städtebau und Stadtentwicklung sind wir in der Lage, uns die Aufgabe „Schulentwicklung in Kooperation mit Schulbau“ zu Eigen zu machen. Nur in einem zielorientierten Dialog, insbesondere mit den Beteiligten vor Ort, kann es gelingen, Rahmenbedingungen gerade für unsere öffentlichen Schulen zu schaffen, die zu mehr Effizienz und Freude in den Bildungseinrichtungen führen. Diesen Dialog mit herbeizuführen und zu unterstützen, gehört zu den Kernaufgaben der beiden Stiftungen. Sie liefern Vorbilder in konkreten Projekten, in denen mit Begeisterung im
Dialog „gestaltet“ wird und in denen die Umsetzung der gemeinsamen Planungen im Vordergrund steht. Dieses natürlich immer auch unter Berücksichtigung der ökonomischen Rahmenbedingungen.
Was genau können wir unter dem Begriff „Pädagogische Architektur“ verstehen?
Unter „Pädagogischer Architektur“ verstehen wir (1.) eine bauliche Form, die ihre Organisation und gestalterische Kraft aus einer pädagogischen Konzeption heraus entwickelt, (2.) eine Pädagogik, die sich die Räume, in und mit denen sie arbeitet, zu Eigen macht und sie einbezieht und (3.) einen Prozess, der die am Lernen und Lehren Beteiligten befähigt, die Formen des Lernens und Lehrens mitzugestalten. In Schulen, in denen „Pädagogische Architektur“ realisiert wird, kommt es zu einer engen Zusammenarbeit von Pädagogik und Architektur. Mit anderen Worten: Die Architektur ist ebenso ein Teil der pädagogischen Konzeption wie pädagogische Zielsetzungen Teil der architektonischen Überlegungen sind. Die architektonische Gestalt sollte die bestmögliche Unterstützung von pädagogischen Leitlinien sein.
Gibt es pädagogische Konzepte, die der Idee der „Pädagogischen Architektur“ besonders entsprechen?
Es gibt keine Schubladenlösungen. Für uns stehen hier keine bestimmten Konzepte im Vordergrund. Vielmehr geht es um Konzepte, die zu den jeweiligen Rahmenbedingungen passen, und sich an Kriterien gegenwartsangemessener Lernund Lehrkulturen orientieren, die Selbstverantwortung und Mitbestimmung mit individuellem Lernen und gemeinschaftlichem Heranwachsen verbinden.
Wo in Deutschland oder im europäischen Raum finden wir heute schon beispielhafte Gebäude für „Pädagogische Architektur“?
Es gibt einige aktuelle Beispiele für Bildungsbauten, die unseren Ansprüchen an „Pädagogische Architektur“ gerecht werden. Hier reicht die Bandbreite von der Gesamtschule in Gelsenkirchen über einige „Brede Schools“ in den Niederlanden bis hin zu ambitionierten dänischen, schwedischen und britischen Bildungsbauten. Es hapert also nicht an einzelnen Beispielen, es kommt uns aber darauf an, mit unseren Projekten die Verfahren und Entscheidungswege zu verbessern und die Position und Kompetenz des öffentlichen Bauherren so zu stärken, dass aus diesen einzelnen Beispielen eine Bewegung wird.
Was soll in diesem Zusammenhang mit dem Projekt „Bildungslandschaft Altstadt Nord“, das Sie in Kooperation mit der Stadt Köln durchführen, erreicht werden?
Der Rat der Stadt Köln hat im September 2006 einstimmig beschlossen, mit uns neue Wege zu gehen. Sieben Bildungseinrichtungen, die Stadt Köln und die Montag Stiftungen haben nach einem intensiven Gedankenaustausch im Mai 2007 eine selbstverpflichtende Kooperationsvereinbarung unterschrieben, um gemeinsam eine Bildungslandschaft in der Kölner Innenstadt zu entwickeln und zu realisieren. Dieser Bildungsverbund hat eine pädagogische, eine stadträumliche und eine bauliche Komponente. Es geht in dem gesamten Projekt darum, auf Basis von pädagogischen Zielsetzungen Räume zu entwickeln und zu schaffen, die einerseits die Bedarfe der Einrichtungen beantworten und andererseits diese durch sinnvolle Gemeinschaftsanlagen stärken. Für die stadträumliche Entwicklung schaffen wir derzeit mit einem international besetzten städtebaulichen Planungsworkshop eine wichtige Grundlage. Fünf ambitionierte Teams aus Architekten, Stadtplanern und Landschaftsplanern nehmen an diesem Workshop teil. Dieser zeichnet sich durch ein Höchstmaß an Transparenz und Dialogmöglichkeiten aus. Die Jury wird im Mai dieses Jahres die vorliegenden Ergebnisse beurteilen, die zum Rahmenplan für die Entwicklung dieses Stadtraumes mit seinem Bildungsverbund führen soll. Das Projekt wird von allen verantwortlich Beteiligten unterstützt und von einer gemeinsamen Projektleitung und -steuerung der Stadt Köln und der Montag Stiftungen verantwortlich getragen.
Worin bestehen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen in der architektonischen Umsetzung von neuen pädagogischen Konzepten? Werden neue Gestaltungsvorgaben notwendig?
Im erforderlichen Dialog zwischen den Entwerfern und den Nutzern, Pädagogen und Bauherren baulicher Anlagen steckt die größte Herausforderung. Diese erfordert nicht nur Kompetenz, Teamfähigkeit, Geduld, Zeit und Geld, sondern liegt vor allem in der Gestaltung des Prozesses, der die Anforderungen an die jeweiligen Lebens- und Lernräume herausarbeiten muss. Hier müssen wir vor allem die öffentlichen Bauherren darin bestärken, diesen dialogischen und offenen Prozess zur Weiter- und Neugestaltung seiner Bauten und Bildungslandschaften stattfinden zu lassen. Ganz wichtig ist, dass wir bei der Entwicklung von Bildungsbauten in Zukunft mehr darauf achten, dass sie anschlussfähig an die Stadtgesellschaft sind. Das heißt, sie brauchen ein eigenes Gesicht in der Stadtlandschaft, und sie müssen ihre Türen für andere Nutzungen des Stadtteils weit öffnen können, damit gemeinsames Leben in der Schule stattfindet. Wir sagen: „Schule macht Stadt“. Neue Richtlinien und Gestaltungsvorgaben brauchen wir dafür nicht. Vielmehr brauchen wir begeisterte und der Sache gegenüber demütige, kluge, teamfähige Entwerfer, die gelernt haben, Fragen zu stellen und Verantwortung zu übernehmen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Weitere Infos:
Die Montag Stiftungen im Internet